Ja, Panik - Die Gruppe

Bureau B / Indigo
VÖ: 30.04.2021
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Wacht auf!

"Kaum vorstellbar, dass da in nächster Zeit ein spannungsreicheres Stück Popmusik in deutscher Sprache kommen wird." So beendete Kollege Preußer vor rund zehn Jahren seine Rezension zu Ja, Paniks "DMD KIU LIDT". Das Album einer österreichischen Band wie die deutsche Fußballnationalmannschaft nach der WM 1990: auf Jahrzehnte unschlagbar. Immer gefährlich, solche Prognosen. Aber gab es denn nun seither eine bessere, oder eben "spannungsreichere", deutschsprachige Platte? Vielleicht nicht, wahrscheinlich nicht, sicher nicht – liebe Leser*innen, entscheiden Sie selbst. Fest steht: Ja, Panik legen mit "Die Gruppe" nun ihren sechsten Langspieler vor. Und daran hatte man fast gar nicht mehr geglaubt. Das letzte Lebenszeichen des Quartetts war die Band-Biografie "Futur II", erschienen 2016, also zwei Jahre nach "Libertatia". Man mochte zwar nicht, aber konnte danach doch annehmen, das wär's gewesen. Als Frontmann Andreas Spechtl 2019 im Profil-Interview rund um sein letztes Soloalbum "Strategies" jedenfalls meinte "Ja, Panik wird es immer geben" fühlte sich das schon irgendwie nach heruntergezogenem Augenlid an. Sebastian Janata, der Band-Trommler, brachte obendrein 2020 seinen sehr empfehlenswerten Debütroman "Die Ambassadorin" raus – Highlight: ein vollgeschissenes Kriegerdenkmal im österreichischen Hinterland – und noch mehr ergab sich der Eindruck, dass die Gruppe Ja, Panik nur mehr in den Herzen fortexistiere.

Nun, manchmal ist es tatsächlich ganz schön, unrecht zu behalten. Aber Moment noch, es liegt ja durchaus im Bereich des Möglichen, dass das neue Album nach der langen Pause gar nicht mehr so begeistert wie seine Vorgänger. Vor allen Dingen wäre nichts schlimmer als eine Platte der Marke "es ist Lockdown, also machen wir halt Musik". Das ist hier aber keineswegs der Fall, denn die Songs für "Die Gruppe" hatten Ja, Panik bereits 2019 geschrieben, als die Welt noch virusfrei war. Das Album reiht sich bestens in den bisherigen Kanon ein, erscheint aber trotzdem ganz anders. Es ist nicht so tanzbar wie "Libertatia", nicht so weltschmerzig wie "DMD KIU LIDT", nicht so poppig wie "Ja, Panik" und "The taste and the money" und auch nicht so rockig wie "The angst and the money". Aber mal angenommen, all diese Alben könnten zusammen ein Kind zeugen, dann würde sich jenes vielleicht sogar genauso anhören wie "Die Gruppe", wie eine Neuerfindung oder eben die nächste Generation. Schülerzeitungsautoren würden in Anbetracht dessen vielleicht schreiben, die Platte klänge, als wären Ja, Panik erwachsen geworden. Wahrscheinlich stimmt das sogar. Das zeigt sich vor allem ganz deutlich an der Inszenierung bzw. Produktion, die Spechtl hier im Übrigen im Alleingang übernahm.

Der Opener "Enter exit" nutzt entsprechend ähnliche Werkzeuge wie die Solo-Tracks des Sängers: Es klappert, knarzt und pfeift, bevor die Gitarre reinkommt und die Melodieführung übernimmt. Ihr Zuhilfe eilt das Saxofon von Gästin Rabea Erradi, das die Musik über die ganze Platte begleitet – und ebenso bereichert. Es ersetzt zudem die auf den Vorgängern durchaus zentralen Tasten, die hier fast gänzlich fehlen. Ein weiteres großes Charakteristikum des neuen Albums tritt erstmals in "Gift" auf den Plan: Es ist der Chor. Auch jener Song speist sich aus Spechtls oft mosaikhaften Solo-Klangsphären und wie schon der Titel davor behandelt es jene Welt, die sich dann auftut, wenn man genau in der Mitte zwischen Schlaf und Wachsein festhängt. "Sleep will walk the streets / Ich bin quasi da / Gib mir nur eine Sekunde / I came from so far", singt die Gruppe gemeinsam, während das stampfende Schlagzeug den Ohrwurm festtritt. Das "quasi" ist der springende Punkt dabei. Auf einem vergleichsweise kargen Wüstenplaneten befindet sich dagegen "Memory machine". Die Gitarre und das Saxofon zittern sich durch die verlassene Steppe und eine immer bedrohlicher werdende Geräuschkulisse. Das klingt dann insgesamt in etwa so, als hätte jemand Ennio Morricone – würde er denn noch unter uns weilen – einen ihm noch unbekannten Synthesizer geschenkt. Im Text ergreifen die Dinge förmlich Flucht vor dem Protagonisten. "Keep it clean from yourself", heißt es da, also, bitte nichts anfassen. Zum Glück ist auch das nur ein Traum, wenngleich kein schöner.

Einen solchen erlebt man dafür im – Obacht – dreampoppigen "On livestream": Ein Kratzer im Screen bringt das Raum-Zeit-Kontinuum zum Platzen und führt zu einer erfreulichen Begegnung, wenngleich sie, getrennt durch die Mattscheibe, unwirklich bleibt: "Live's a dream / On livestream", singt der Chor, während die Gitarre mit den Hüften wackelt, das Saxofon diverse Bussis verteilt und ein paar Samples ihre beste Streicher-Imitation aufführen. Den "crack in the world" hat auch das gediegene "1998" im Blick. Spechtl ist ein "country boy, afraid to go online", traut sich aber schließlich doch und findet und verliert im virtuellen Raum abwechselnd sein Gegenüber: "From multitude to solitude / We went back and forth again." Am Ende leihen sich Ja, Panik das Effektgerät von Bilderbuch und streuen ein fantastisches Gitarrensolo ein, das abermals den Chor herbeiruft: "I was looking for you, but I found all sorts of things." Kein Happy End also, zumal der Kummer ohnehin nie ganz zu vergehen scheint. Wir erinnern uns: Auf "DMD KIU LIDT" erklärten Ja, Panik, dass sich der Kapitalismus in unseren Leben als Traurigkeit manifestiert, und noch immer ist die Gruppe auf der Suche nach einem Heilmittel dafür. Ganz allein mit seiner Gitarre bittet Spechtl in "The cure" einen Arzt um Hilfe. Zusammen findet die Band die Lösung: "The only cure for capitalism / Is more, more, more capitalism." So schade das auch ist, für den Moment sind alle happy. Die wirkliche Rettung offenbart sich dann aber doch noch, und zwar im folgenden Titeltrack "Die Gruppe": Es ist die Gemeinschaft, die Wunden heilt. "Eine Gruppe möcht' ich sein", heißt es dort folgerichtig. Es braucht nicht gleich eine Jugendbewegung, "die Gang der letzten Gangstereien" reicht. Der Titel ist nicht nur der zentrale, sondern auch der am ehesten nach den bekannten Ja, Panik klingende Song der Platte.

Zumindest abgesehen von "Backup", in welchem sich die Band im Text immer wieder selbst zitiert und referenziert. "Everybody wants to own the end of the world", lautet dort die wichtigste Zeile und so sind die Weichen bereits gestellt: Es läuft auf "Apocalypse or revolution" hinaus. So heißt die an Neujahr 2021 veröffentlichte erste Single, die hier das Album abschließt. Die Zeilen "It is the past that will return / From the future this time", verheißen nichts Gutes. Und wenn dann auch noch "ein Ich, das plötzlich 'wir' schreit" auftaucht, macht das zurecht Sorgen. Also sind es eben diese beiden Möglichkeiten: "Apocalisse o rivoluzione", wie es Spechtl auf italienisch formuliert. Beides geil, beides kacke. Entweder man schaut geifernd dem Untergang zu und lässt alles vergehen, oder man arbeitet aktiv an einer Zukunft, was allerdings ziemlich unbequem werden könnte. Das wirft eine interessante Frage auf: Wie würde sich die Menschheit wohl verhalten, wenn die Welt brennt? Nun, nach einem Jahr Ausnahmezustand sind die Menschen jetzt "coronamüde" und "klimawandelmüde" sind sie ja schon längst. Und "faschismusmüde" eh, "welthungermüde" sowieso. Vielleicht auch einfach ganz allgemein "empathiemüde". Hier möchte jetzt wirklich niemand das Fass mit dem Moralgesabbel aufmachen, aber es ist durchaus programmatisch, wenn Ja, Panik 2021 eine Platte machen, die sich vor allem in einem Zustand des Halbschlafs wähnt. Man hat sich abgearbeitet am Falschen, aufs Echte gehofft, 500-mal am Tag Adorno zitiert, geweint, geschrien, Angst gehabt, noch mehr Angst gehabt, Freunde verloren. Das musste wohl so sein. Doch jetzt ist es anders. Die Kunst der Gruppe Ja, Panik auf diesem Album ist es, einen Zustand aufzugreifen und auszuformulieren, bei dem der Schmerz längst chronisch geworden ist. Der Kampf geht weiter, aus anderem Blickwinkel und mit neuen Waffen, aber in jedem Fall nimmermüde. Das macht "Die Gruppe" zu einem großen Album.

(Pascal Bremmer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Gift
  • On livestream
  • The cure
  • Die Gruppe
  • Apocalypse or revolution

Tracklist

  1. Enter exit
  2. Gift
  3. Memory machine
  4. What if
  5. On livestream
  6. 1998
  7. The cure
  8. Die Gruppe
  9. The zing of silence
  10. Backup
  11. Apocalypse or revolution
Gesamtspielzeit: 45:09 min

Im Forum kommentieren

Z4

2022-05-02 16:44:03

Am besten waren sie vor Dmd kiu lidt, da hatten sie noch den Schalk im Nacken, man konnte das gar nicht so richtig einordnen was sie da gemacht haben, stürmisch wie eine Punkband und dabei noch ironischer als die frühen Tocotronic und dazu noch dieser Wiener Schmäh. Aber seit dieser Zeit sind sie live momentan sicher am besten in Form.

chocolat ideal

2022-05-02 16:37:53

Ich war in Berlin und sehr, sehr begeistert. Das vierte Mal Ja, Panik und definitiv das beste Konzert. Habe gemischte Erwartungen gehabt, weil ich "Die Gruppe" nur zur Hälfte gut finde, aber ich war dann von der Liveumsetzung ziemlich geflasht. Tja, und als dann DMD KIU LIDT gespielt wurde, konnte ich es kaum glauben. Dachte, das ist so ein Song den ich nie live erleben werde. Ein Konzertmoment für die Ewigkeit.

Kevin

2022-05-02 14:14:53

Meine Highlights:

On livestream (Hat mich total abgeholt)
Libertatia
Apocalype or revolution
The evening sun

Kevin

2022-05-02 14:11:42

Deine Eindrücke aus München kann ich 1:1 unterschreiben, Pavel.

Pavel

2022-05-02 09:56:03

Also wir waren vor einer Woche in München und es war absolut grandios, habe Ja Panik schon zweimal gesehen und irgendwie nie als besonders gute Liveband in Erinnerung behalten und deswegen auch nichts erwartet.
War auch gut besucht, was 2015 (zumindest in Erlangen und Nürnberg) nicht der Fall war.
Die Zugabe war zwar nicht DMD aber Evening Sun war unglaublich...


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