The Coral - Coral Island

Modern Sky / Run On / Rough Trade
VÖ: 30.04.2021
Unsere Bewertung: 5/10
5/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Was zu erzählen

Zehn Platten zu veröffentlichen, ist für eine Band eine herausragende Leistung. Einige scheitern oder streiten. Andere haben nichts mehr zu berichten oder wollen einfach nicht mehr. Mit The Coral steigt nun eine weitere Gruppe aus dem Nordwesten Englands in diesen erlesenen Club auf. 19 Jahre nach dem selbstbetitelten Debüt folgt mit "Coral Island" Album Nummer zehn. Die bekanntesten Kollegen aus der Region und Pilzköpfe, mit denen The Coral nicht das erste Mal verglichen werden, erledigten dies in einem Fünf-Jahres-Sprint bis zum weißen Album. Andere große Bands der Region wie Frankie Goes To Hollywood schafften es jedoch nie so weit. Dass The Coral es so weit gebracht haben, ist kein Wunder. Ihr Retrosound ist wahnsinnig beständig, sie beweisen stets, dass sie ein Gespür für eingängige Melodien haben und laufen keinem Trend hinterher. Zudem eilt den Live-Auftritten der Gruppe um James Skelly ihr hervorragender Ruf voraus. Zu ihrem Überhit "Dreaming of you" hat vermutlich schon jeder getanzt – und falls nicht, sollte man das schleunigst nachholen. Nach drei Jahren veröffentlichen die Briten nun den Nachfolger zu "Move through the dawn – ein Doppelalbum, das 24 Stücke umfasst und jeden Zweifel aus dem Weg räumt, dass die Band nach so vielen Veröffentlichungen nichts mehr zu erzählen hat. Vielleicht ist es sogar zuviel.

Aufgebaut ist "Coral Island" als Konzeptalbum über die gleichnamige Insel. Insel, das klingt nach Urlaub, Sonne, Südsee und abgeschieden vom Rest der Welt. Doch der fiktive Ort, an den uns die Band bringt, ist das Gegenteil des Films "Cast away": Kirmes statt Karibik. Statt sich mit einem schweigsamen Volleyball zu unterhalten, nutzt James Skelly jede Gelegenheit, Geschichten über die Insel zu erzählen: von den Arkaden und Palästen, der Jahrmarktromantik, dem Ausgehen und Sich-Verlieben. Dabei schwebt über allem etwas leicht Gruseliges: In neun kurzen Titel spricht Skelly über die Insel, statt zu musizieren. Für ein Eintauchen in die skizzierte Welt mag das funktionieren, für den Hörfluss eines Musikalbums sind die vielen Unterbrechungen nicht förderlich – das ist schade, da auf "Coral Island" einige schöne Songs verborgen sind, die auch ohne große Geschichten für sich stehen könnten. Fans der Band werden es ihnen vermutlich nicht krummnehmen, sondern sich über das witzige Gimmick freuen – als Hintergrund eignet sich das Album so allerdings nicht. Musikalisch bleibt die Beständigkeit erhalten: The Coral mischen verschiedene Stile der 60er-Jahre und setzen vor allem auf eingängige, simple Melodien, die schnell ins Ohr gehen.

Gleich zu Beginn des ersten Aktes zwischen den einrahmenden Geschichten zeigt sich, dass dieser Sound immer eine Wanderung auf Messers Schneide ist. Kommen die ersten beiden Stücke "Love discovered" und "Change your mind" etwas zu simpel und eher banal daher, sind es Nuancen, die dazu führen, dass der schöne, verträumte Popsong "Mist on the river" ganz und gar nicht plump wirkt. Nach durchwachsenem Start folgen jedoch eingängige und schöne Melodien, die klingen, als würde man sie schon lange kennen. Man könnte fast wegträumen, würden die rezitierten Inselgeschichten nicht alles immer wieder unterbrechen. Die Gratwanderung der simplen, aber formschönen Retro-Hits funktioniert oft, auch wenn das Ganze wie bei "Golden age" oder dem Beach-Boys-Soundalike "Summertime" manchmal eine Spur zu schlicht ist, aber auf der anderen Seite stehen auch waschechte Hits. Die Single "Faceless angel", der Ohrwurm "Autumn has come" und vor allem das wunderbare "Strange illusions" sind gute Argumente dafür, dass man sich auch auf die nächsten zehn Platten von The Coral freuen darf.

(Marian Krüger)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Faceless angel
  • Autumn has come
  • Strange illusions

Tracklist

  • CD 1
    1. Welcome to Coral Island
    2. Lover undiscovered
    3. Change your mind
    4. Mist on the river
    5. Pavillions of the mind
    6. Vacancy
    7. My best friend
    8. Arcade
    9. Hallucinations
    10. The game she plays
    11. Autumn has come
    12. The end of the pier
  • CD 2
    1. The ghost of Coral Island
    2. Golden age
    3. Faceless angel
    4. The great Lafayette
    5. Strange illusions
    6. Summertime
    7. Telepathic waltz
    8. Old photographs
    9. Watch you disappear
    10. Late nights at the borders
    11. Land of the lost
    12. The calico girl
    13. The last entertainer
Gesamtspielzeit: 54:06 min

Im Forum kommentieren

Gordon Fraser

2021-10-12 13:34:58

Das Gebrabbel zwischen den Songs brauche ich immer noch nicht, aber ansonsten ist das eine klassische The-Coral-Platte voll aus der Zeit gefallener Romantik und Melancholie. Höre ich immer noch sehr gerne.

El arco

2021-06-10 21:18:08

Ohne die spoken words ein sehr schönes album. Sie haben nach all den Jahren noch immer nicht ihren Zauber verloren.

Distance in between war leider trotz des schönen artworks bisschen schwach

hidden

2021-06-09 19:14:28

Mich hingegen erinnern sie angenehm an die "lift your skinny fists...".

ZoranTosic

2021-06-09 11:36:17

Sehr schöne Songs drauf. Die Interludes nerven allerdings extremst. Führt dazu, das ich mir eine Spotify Playlist ohne das Gesabbel gemacht habe. Wie Kalle sagt, dann bleibt ein schönes Pop-Album

Kalle

2021-04-30 13:46:40

In Zeiten des Streamings kann man die SpokenWord-Beiträge ja ausblenden und dann wird aus einem 5/10-Album locker ein schönes Pop-Album mit 7,5/10.

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Threads im Forum