Cannibal Corpse - Violence unimagined

Metal Blade / Sony
VÖ: 16.04.2021
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Verboten gut

Wohl kaum eine Institution wird in der Kunst und speziell in der Musik so kontrovers diskutiert wie die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM). Überspitzt gesagt, stellt die BPjM für die einen der letzte Gralshüter für Ordnung und Anstand dar, während die anderen die Bonner Behörde als staatliches Zensurorgan brandmarken. Die Wahrheit liegt natürlich wie so oft in der Mitte, von daher sei als erste Stelle zur Recherche zunächst auf das nach dem Amoklauf von Erfurt 2003 novellierte Jugendschutzgesetz verwiesen, in dem die Aufgaben der BPjM ab §17 ausführlichst definiert sind. Doch woher kommt eigentlich dieser Streit? Einer der Gründe ist der oftmals unterstellte Vorwurf der mangelnden Fachkenntnis des Entscheidungsgremiums. Denn während die Indizierung oder Beschlagnahme beispielsweise von rassistischen oder verfassungsgefährdenden Publikationen unstrittig ist, darf man im Fall der (mittlerweile aufgehobenen) Indizierung von "Debil", der Debüt-LP von Die Ärzte aus dem Jahr 1984, sicherlich geteilter Meinung sein.

Womit wir nun endlich bei Cannibal Corpse wären, die vermutlich neben Die Ärzte eine der bekanntesten Bands sind, die regelmäßig ihren Strauß mit der Behörde auszufechten haben, sei es nun durch Indizierung ganzer Alben, wegen ihrer vermeintlichen Gewaltverherrlichung, oder gleich der Beschlagnahme wegen arg expliziter Artworks – ein Umstand, der Mitarbeitenden der Plattenfirma bereits Vorstrafen einbrachte, weil die verordneten Maßnahmen nicht schnell genug umgesetzt wurden. Und auch wenn manche Cover, wie jenes von "Tomb of the mutilated" dermaßen offensichtlich grotesk überzeichnet sind, dass man sie eigentlich gar nicht ernst nehmen kann, benötigt man für die Lyrics von "Hammer smashed face" vom selben Album schon ein gewisses Maß an Abstraktionsfähigkeit. Und ja, das gilt nach Ansicht der BPjM auch, wenn jene Lyrics kaum verständlich im barbarischen Gegurgel des Sängers untergehen.

Das Schöne daran ist: Das alles ficht die Death-Metal-Urgesteine aus Buffalo, New York, bestenfalls dahingehend an, dass für den deutschen Markt entschärfte Albumcover erstellt werden. Und auch, wenn indizierte Alben nicht mehr beworben dürfen, ist der Streisand-Effekt sicherlich nicht unerheblich. Viel ernster hingegen ist der Umstand, dass 2018 Gitarrist Pat O'Brien erst sein Haus in Brand setzte und dann einen Einbruch begang, bei dem er einen Polizisten mit einem Messer angriff. Später wurde ein Waffenarsenal in O'Briens Haus gefunden, mit dem so manche kleine Armee glücklich werden könnte. Nun, O'Brien befindet sind mittlerweile in Therapie und wurde durch einen gewissen Erik Rutan ersetzt, der unter anderem das letzte Album "Red before black" als Produzent begleitet hatte. Und das erweist sich für das programmatisch betitelte "Violence unimagined" als absoluter Glücksfall.

Was zunächst einmal mal am Sound des Album liegt. Denn Rutan findet das richtige Maß zwischen Druck und Dreck, zwischen wuchtigen Soundwänden und jener Luft in der Produktion, die die hochklassige Arbeit seiner neuen Bandkollegen erst zur Geltung kommen lässt. Selten klang Death Metal so gut, möchte man sagen. Doch viel wichtiger natürlich sind die Songs selbst. Und die überzeugen einmal mehr. Denn nachdem "Murderous rampage" und "Necrogenic resurrection" schon durch spannende Breaks aufhorchen lassen, zeigt das folgende "Inhumane harvest" endgültig eine ganz neue Seite des Fünfers. Während nämlich früher pures Geknüppel herrschte, nimmt die Band plötzlich zwischendurch den Fuß vom Gaspedal. Mit dem Ergebnis, dass der Songs wie Hölle groovt und die Abgründe der Lyrics noch einmal besonders steil in Szene setzt.

Dem gegenüber steht das Tech-Death-Massaker "Ritual annihilation", geschrieben von Rutan, welches gerade zu Beginn mit seinen wahnwitzigen Blastbeats an dessen vorherige Band Hate Eternal erinnert und nebenbei Drummer Paul Mazurkiewicz an seine körperlichen Grenzen bringt. Doch während solch wildes Gerüpel in den frühen Jahren der Karriere zum Standard gehörte, zeichnen sich Cannibal Corpse in den letzten Jahren von Album zu Album durch gesteigerte Variabilität aus. Vielleicht mögen die Amerikaner in puncto Lyrics und Artwork die gleiche Lust an der gezielten Provokation verspüren wie einst, musikalisch wird immer wieder den permanente Willen zur Verbesserung deutlich, wenn auch im eigenen engen Rahmen. Die Cannibal Corpse zu Zeiten von "Butchered at birth" hätten diese Platte jedenfalls nicht produzieren können. Ob das allerdings diejenigen anficht, die die Band mit schöner Regelmäßigkeit bei der BPjM anzeigen, dürfte fraglich sein.

(Markus Bellmann)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Inhumane harvest
  • Surround, kill, devour
  • Overtorture

Tracklist

  1. Murderous rampage
  2. Necrogenic resurrection
  3. Inhumane harvest
  4. Condemnation contagion
  5. Surround, kill, devour
  6. Ritual annihilation
  7. Follow the blood
  8. Bound and burned
  9. Slowly sawn
  10. Overtorture
  11. Cerements of the flayed
Gesamtspielzeit: 42:54 min

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NeoMath

2021-04-15 09:48:55

So, hab 3 Durchläufe überstanden und muss sagen, dass sie kein langweiligeres Album hätten machen können.

Im Vorfeld hatte ich auf einen richtigen Brecher gehofft, da Rutan nun dabei ist und auch Drum Paule, den ich übrigens für maßlos überbwertet halte in seinem Können, tönte ja rum, anspruchsvollste Parts auf der Platte und so, blabla....

Allein mit Rückblick auf die letzten 10 Alben ist mir das einfach too much of the same shit. Die Songs wirken beliebig, starke Breaks fehlen, mitreißende Parts auch Fehlanzeige, die Hammer-Blasts werden znehmend spärlicher eingesetzt, mal abgesehen vom ewig gleichtönenden Gebelle von Schorse; es gibt einfach leider keine Nuancen, die aufhorchen lassen.

Sicher, spieltechnisch alles auf hohem Niveau (Webster is einfach ne Bass-Sau!), aber besonders bei der Drumarbeit fällt mir (mal wieder) die fehlende Steigerung bzw ein erheblicher Mangel an guten und herausragenden Ideen auf.

6/10
...aber auch nur, weil sie stark an ihren Geräten sind.

VelvetK

2021-04-14 20:42:25

Gerade zweimal durchgehört. Ich find's klasse, auch wenn es nur solide beginnt - nach hinten ist Violence unimagined großartig schichtender Death Metal mit bestialischer Intensität. Unfassbar guter Sound. Verbindet allen Hochgenuss zwischen Kill und den nachfolgenden Platten. 8 Punkte minimum.

Analog Kid

2021-04-13 17:19:01

"Ich glaube meine Lehrerin hat damals meine Eltern auf einem Elternabend angesprochen weil ich mal ein Maiden T-Shirt getragen habe."

Klingt ja grausam. Was für ne Schule war das denn

tjsifi

2021-04-13 16:51:14

Das war gar nicht soooo lustig, als die Lehrer auf unserer Schule davon was mitbekommen haben waren Metal T-Shirts quasi nicht mehr "erlaubt". Ich glaube meine Lehrerin hat damals meine Eltern auf einem Elternabend angesprochen weil ich mal ein Maiden T-Shirt getragen habe.

Analog Kid

2021-04-13 13:42:56

Noch nie gehört von der. Klingt jedenfalls sehr amüsant. Wann kommt das Deathmetalkonzeptalbum über Christa Jenal und ihren Kreuzzug? Im Grunde ja auch Metal irgendwo die Alte.

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