Ben Howard - Collections from the whiteout

Island / Universal
VÖ: 26.03.2021
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Wein, Vibe und Gesang

"Waaas, kein 'Only love', kein 'Old pine', wo war 'Keep your head up'?" So vernahm ich es raunend von zwei Pärchen um mich herum nach einem Konzert der vergangenen Tour von Ben Howard. Dabei müsste mittlerweile bekannt sein, dass Howard die Rolle des Crowdpleasers nicht einnehmen möchte. Wer die alten Hits hören will, kann ja das Debüt daheim auflegen. Wer mit dem neuen Kram nichts anfangen kann, soll eben was anderes hören. So denkt es sich der 33-Jährige vermutlich – und schaffte mit dieser Geisteshaltung nach "Every kingdom" noch viel, viel Besseres. Howard ist seine künstlerische Integrität wichtig, so sehr, dass er zwischen "I forget where we were" und "Noonday dream" sogar ans Aufhören dachte. Mit "Collections from the whiteout" erblickt nun sein vierter Longplayer trotz aller Umstände das Licht. Doch dieses Mal bereitet der Weg des geschätzten Künstlers selbst mir Schwierigkeiten.

Der große Name, der auf dem Album prangt, lautet Aaron Dessner. Genau jener The-National-Veteran, der mit Taylor Swift zuletzt mal eben zwei wunderbare Folk-Alben aus dem Boden stampfte, sitzt hier im Produzentenstuhl. Wer diese 14 Stücke hört, kann jedoch in einer Hinsicht aufatmen: Ben Howard klingt immer noch nach Ben Howard, nicht nach The National oder Taylor Swift. Eher tauscht "Collections from the whiteout" die Luftigkeit der Vorgänger gegen eine erdige Elektronik und Nähe im Sound aus, huscht aber gleichzeitig tiefer in die Hirnwindungen des Engländers hinein. Noch weniger konstruiert wirken die meisten Tracks – hier ein simples akustisches Lied wie "Rookery", da ein laut knarzender Beat in "Sage that she was burning". Ist das ein Elfvierteltakt im trödeligen "You have your way" und warum knurrt es in "Unfurling" auf einmal? Ganz schön viel für einen Künstler, der stets durch Reduktion auffiel.

Das Wort "Songs" fiel bisher aus gutem Grund noch kein einziges Mal in dieser Rezension. Denn "Collections from the whiteout" ist vielmehr ein Vibe, eine Stimmung. Emotionale Höhepunkte und Standouts wie "All is now harmed" oder "A boat to an island on the wall" fehlen ebenso wie klassische Strukturen an den meisten Stellen. Was stellt das seltsame "Finders keepers" dar? "What's that in the river, that suitcase, that thing?", fragt Howard unkonkret und legt nach: "Isn't there a birthday, a place I should be?" Nicht ohne Faszination, aber mehr Kopf- als Herzmassage. "Far out" beginnt immerhin als recht straighter Folkrock, fährt auch eine kleine melodische Hook auf, begnügt sich aber leider damit, die ganze Zeit auf der Stelle zu treten, wenn hier doch früher noch etwas Spannendes passiert wäre. "Half alive is half in dream", singt Howard etwas später und so fühlt sich vieles hier an: schön verträumt, aber nicht richtig mit Leben gefüllt.

"Collections from the whiteout" ist eine seltsame Kombination. Es gibt sich lässig, aber beizeiten auch völlig unnahbar. Ein Song wie "Crowhurst's meme", der die letzten Minuten des gleichnamigen, hochstapelnden Weltumseglers nachzeichnet, sticht mit pulsierender Drummachine heraus. "What a day" gibt sich lieblich und hübsch und ist daher als erste Single wohl nicht ohne Grund gewählt worden. Und vielleicht braucht es ja auch einfach nur deutlich wärmere Temperaturen, damit sich Flüchtigkeiten wie "Sorry kid" oder "Metaphysical cantations", die sich besonders in der zweiten Albumhälfte tummeln, in wohliger Sonne erschließen. Stand jetzt sind diese "collections" eben doch genau das: eine Sammlung an Gefühlen und Ideen, denen der große Plan fehlt. Das ist interessant, teils auch wirklich entlohnend. Aber Howard hat einzigartige Meisterwerke in der Vita, die mehr zurückgeben. Plötzlich fühle ich mit den Pärchen vom Konzert.

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Crowhurst's meme
  • Sage that she was burning
  • The strange last flight of Richard Russell

Tracklist

  1. Follies fixture
  2. What a day
  3. Crowhurst's meme
  4. Finders keepers
  5. Far out
  6. Rookery
  7. You have your way
  8. Sage that she was burning
  9. Sorry kid
  10. Unfurling
  11. Metaphysical cantations
  12. Make arrangements
  13. The strange last flight of Richard Russell
  14. Buzzard
Gesamtspielzeit: 54:08 min

Im Forum kommentieren

Gomes21

2021-08-11 21:51:10

Vom Album ist bei mir wirklich nichts hängen geblieben. Hab es auch seit seinem Live Streaming Konzert nicht mehr gehört, das war auch schon eher öde. Der Vorgänger kann eindeutig mehr.

MrMan

2021-08-11 20:43:36

Was ist das für ein Bäumchen im Vordergrund?

Kai

2021-08-11 15:33:21

tiny desk Konzert mit neuem Song

Kai

2021-05-04 23:34:14

Für mich gehts bei dem Album weiter nach oben...
Ich kann den Vorwurf der fehlenden Songstrukturen überhaupt nicht nachvollziehen und hab hier bis jetzt mein Album des Jahres.

Viele sehr spannende Elemente und auch Lyrisch gefällt mir das recht gut. Die "Hintergründe" mit denen sich die Tracks beschäftigen sind spannend und motivieren mich, mich mit den Tracks genauer auseinander zusetzen (bsp. Richard Russell, Donald Crowhurst, der Tote im Koffer...)

Unangemeldeter

2021-04-12 22:33:37

Bei mir leider eher ein Shrinker, gefällt mir irgendwie bei jedem Hören weniger. Vieles auf dem Album nervt, die guten Momente sind spärlich gesät. Sehr traurig.

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