Wild Pink - A billion little lights

Royal Mountain / Membran
VÖ: 19.02.2021
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

My heart goes boomer

Von all den Entwicklungen des Indie-Rock der letzten zehn Jahre ist der Hype um eine Band wie The War On Drugs sicher eines der interessanteren Phänomene. Immerhin hat Adam Granduciels völlig unironische Revitalisierung der Heartland-Rock-Ästhetik von Petty, Springsteen und Co. auf Kritik wie Fans begeisternde Weise gezeigt, dass man seinen inneren Boomer ausleben kann, ohne mit dem Zeitgeist auf Kriegsfuß zu stehen. Das New Yorker Trio Wild Pink hat nie eine ähnliche Popularität erlangt, schafft aber einen vergleichbar unpeinlichen Spagat zwischen retro und modern. Nach dem reduzierten Folk des selbstbetitelten Debüts fuhr "Yolk in my fur" bereits größere Ambitionen auf, bis das dritte Album "A billion little lights" nun die musikalische Vision in hochwertig produzierter Form umsetzen kann. Ganz in der Tradition ihrer Vorbilder ringen John Ross, T.C. Brownell und Dan Keegan ihrem warmen, voll arrangierten Americana-Sound einen unverblümten Pop-Appeal ab. Sie vermitteln damit gleichzeitig intime Nähe wie Landschaftsweite und verleihen ihren Songs mit einem Ambient-artigen Synth-Schimmer und fließenden Übergängen eine holistische Qualität – als wäre die Platte ein einziges, unzertrennbares Gemälde der amerikanischen Prärie.

So ganz passt diese Metapher allerdings auch nicht, weil man dem Album damit unfairerweise eine nicht vorhandene Statik unterstellt. "A billion little lights" ist mehr Bewegtbild als Leinwand, die sich ständig verändernde Kulisse eines Roadmovies. Der Beginn gestaltet sich noch ganz bescheiden mit dem schüchternen Pop-Stück "The wind was like a train", das über zaghaften Stampfern wiederholt "I got your back" skandiert. Doch "Bigger than Christmas" spannt im Anschluss den ganzen Himmel auf: fünf Minuten purer Wohlklang aus Akustikperlen, Streichern und Slide-Gitarren, der erst gegen Ende die Umarmung lockert, um den kommenden Sturm anzukündigen. "The shining but tropical", Wild Pinks lautester, selbstbewusstester Track bisher, stöpselt den Strom an, lässt seine Drums bis in die hinterste Canyon-Ecke nachhallen und gönnt sich sogar ein kleines, verzerrtes Orgel-Intermezzo – eindeutig mehr "Born to run" als "Western stars". Das Wechselspiel von Laut und Leise funktioniert auch weiterhin hervorragend, wenn die schattigen Seufzer des schon fast Trip-Hop-artigen "Amalfi" den fidelen Fideln von "Oversharers anonymous" Platz machen. In letzterem Song zeigt sich der sonst eher verträumt textende Ross zudem überraschend scharfzüngig: "You're a fucking baby, but your pain is valid too."

Die zarte Stimme des Wild-Pink-Frontmanns mag in den muskulöseren Momenten seiner Band aufs erste Ohr ein wenig befremdlich wirken, betont mit seiner Unaufdringlichkeit aber nur das spirituelle Gleichgewicht aller Pinselschwünge. "You can have it back", ein astreiner Soft-Rock-Ohrwurm mit "Doo-doo"s und gemütlichem Bass-Drive, wäre unter heftigerer Vokalakrobatik sicher zerbrochen. Ross' Subtilität lässt auch viel Raum für seine auf der ganzen Platte präsente Duettpartnerin Julia Steiner (Ratboys), die vor allem im wundervollen "Family friends" glänzt. Diese zweite Albumhälfte folgt ähnlichen Wellenbewegungen wie die erste: Natürlich kann aus dem besonders feingliedrigen "Track mud" nur der Heartland-Zucker "Pacific City" samt Saxofon-Solo wachsen. So ein bisschen Gleichförmigkeit und verwaschenes Songwriting ließen sich "A billion little lights" durchaus attestieren, würden als Kritikpunkte jedoch ihr Ziel verfehlen – schließlich ist der ungebrochene Fluss, die universale Einheit aller Klangelemente hier genau der Punkt. Der aufbrausende Closer "Die outside" treibt diese Idee auf die Spitze, wenn er selbst den Tod bloß als ultimative Verschmelzung von Mensch und Natur begreift. Wer mit der pop-soziologischen Phänomenforschung vom Anfang der Rezension fertig ist, kann ja hier existenzialistisch weitergrübeln.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Bigger than Christmas
  • The shining but tropical
  • Family friends

Tracklist

  1. The wind was like a train
  2. Bigger than Christmas
  3. The shining but tropical
  4. Amalfi
  5. Oversharers anonymous
  6. You can have it back
  7. Family friends
  8. Track mud
  9. Pacific City
  10. Die outside
Gesamtspielzeit: 41:19 min

Im Forum kommentieren

Yndi

2022-07-27 21:25:59

Neues Album ILYSM im Oktober. Wenn ich mir die Infos so durchlese und den ersten Song höre, kommt da auf jeden Fall nochmal ein dicker Anwärter auf das Album des Jahres.

https://pitchfork.com/news/wild-pink-announce-tour-and-new-album-ilysm-share-song-listen/

Kai

2021-12-18 18:14:55

Schönes Album.
Zuletzt gab es noch einen neuen Song "Florida", der mir richtig gut gefällt.

simon04

2021-09-22 11:05:06

Ich liebe das Album. Seit 2021-09-10 gibt es ein Live-Album auf Spotify: https://open.spotify.com/album/4WRAzdtmpDDmeIjSh3pW9z?si=4ZylNSjLR5iLcCVyUY7TpQ

Armin

2021-03-10 20:42:07- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Yndi

2021-02-22 09:20:26

Tolle Platte, in die man sich einfach reinlegen kann. So ein schöner, warmer Sound. Tour mit The Antlers wann?

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