Arab Strap - As days get dark

Rock Action / PIAS / Rough Trade
VÖ: 05.03.2021
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Schlaflos in Falkirk

Franz Beckenbauer hat sich geirrt. Gut, es ist fraglich, ob des Kaisers Lobgesang auf unzertrennliche Männerfreundschaften auch solche wie die von Aidan Moffat und Malcolm Middleton mitmeinte: Immerhin schien die gemeinsame Basis der Schotten neben der Musik vor allem aus geteiltem Elend zu bestehen, aus von Alkohol und leeren Liebschaften durchtränkten Enttäuschungen. Vielleicht war der Split von Arab Strap genau deshalb unausweichlich, weil sich das Ende des ständigen Unglücks nicht mit dem Fortbestand der daraus geborenen Band vereinbaren ließ. Doch Moffat und Middleton zerschnitten ihr Band nie endgültig. Nachdem sie ausreichend Abstand zu ihren sechs Alben voller trostlosem Slowcore und nach Whisky und Sperma stinkendem Indie-Rock gewonnen hatten, fanden sie wieder zusammen, bekamen nach einer Tour 2016 Lust auf einen erneuten Versuch. Wie vor 20 Jahren schickten sie sich Tonspuren hin und her und formten daraus mehrere Handvoll nachtwandlerischer Meisterstücke.

"The last romance", die letzte Platte vor dem Hiatus, war bereits ein Werk der Spaltung, zerrissen von der Uneinigkeit darüber, wie viel Licht man ins abgedunkelte Schlafzimmer lassen sollte. Auf "As days get dark" herrscht hingegen reibungsloser Einklang. Mit zwei beachtlichen Solo-Karrieren im Rücken haben Moffat und Middleton eine solche künstlerische Reife gewonnen, dass sie nicht mehr um die Deutungshoheit kämpfen müssen. Es gibt zweifelsfrei neue Sterne im Kosmos von Arab Strap, doch fügen sich diese komplett organisch in ihre Umlaufbahnen. Moffats von minimalistischen Drum-Loops, tiefschwarzen Gitarren und Streichern begleiteter Sprechgesang öffnet sich weniger dem Pop als noch auf dem Vorgänger, erhält durch Disco-Rhythmen und Saxofone aber eine rastlos irrlichternde Vitalität. Vor allem der sackstarke Opener "The turning of our bones" pumpt und klappert wie ein Voodoo-Tanz im schottischen Hochmoor, bis die unterm Morast vergrabenen Toten wenigstens eine Erektion bekommen.

Es ist höchstens ein bisschen verwunderlich, dass sich Middleton trotz verdienter Singer-Songwriter-Sporen weiterhin mit seiner Hintergrundrolle zufriedengibt – vermutlich weiß er aber auch einfach selbst um seine essenzielle Bedeutung als Gegengewicht. Unter dem dicken Synth-Nebel von "Tears on tour" erzählt Moffat von seinem Traum, als Anti-Comedian Menschen zum kollektiven Weinen zu bringen, bis ein leichtfüßiges Solo auf willkommene Weise durch die Schwermut schneidet. Mit The-Cure-Riffs hält Middleton auch den Höllenkneipen-Hit "Here comes Comus!" über Wasser, mit dem Arab Strap nicht zum ersten Mal beweisen, dass sie ihre verkrusteten Abgründe auch in kompakten Uptempo-Nummern aufspannen können. Moffat fühlt sich indes am wohlsten, wenn er mit einem Straßenkehrer durch "Kebabylon" streift, gebrauchte Kondome und Spritzen aufsammelt und den schönsten Refrain des Albums aus der urbanen Kälte hebt.

Einsam und lüstern treiben die Protagonisten des 47-jährigen Familienvaters noch immer durch die Nacht, sind jedoch mit ihrem Erschaffer gealtert. In "Another clockwork day" sitzt ein unbefriedigter Ehemann vor seinen bewährten JPEGs, der pornografische Zeitgeist hat ihn längst überholt: "It's all stepmums and stepsisters now / What the fuck's all that about?" Doch trotz manch autobiografischer Anmutung haben Moffats Texte eine neue Distanz gewonnen, die einen Song wie "Fable of the urban fox" ermöglicht: eine politische Folk-Allegorie über Fremdenfeindlichkeit, in der ausnahmsweise mehr Menschenliebe als Selbstverachtung mitschwingt. Ein Gefühl der Heimatlosigkeit durchzieht auch die alptraumhafte Zugfahrt von "Sleeper", das darüber hinaus in sechs hochintensiven Minuten das Faszinosum hinter dem Duo aus Falkirk konzentriert. Auch nach all den Jahren verstehen es Moffat und Middleton meisterhaft, ihren großstädtischen Odysseen zwischen Flaschen- und Körperöffnungen das höchste Maß akustischer Poesie abzuringen. Beckenbauer singt, James Joyce prostet und weinen werden sie am Ende sowieso alle.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • The turning of our bones
  • Kebabylon
  • Here comes Comus!
  • Sleeper

Tracklist

  1. The turning of our bones
  2. Another clockwork day
  3. Compersion pt. 1
  4. Bluebird
  5. Kebabylon
  6. Tears on tour
  7. Here comes Comus!
  8. Fable of the urban fox
  9. I was once a weak man
  10. Sleeper
  11. Just enough
Gesamtspielzeit: 47:25 min

Im Forum kommentieren

Affengitarre

2022-01-13 19:42:16- Newsbeitrag



Outtake aus den Albumsessions.

Luc

2021-12-02 18:33:50

Mein Favorit bleibt Tears on Tour.
Höre ich schon das ganze Jahr über immer wieder.

Gomes21

2021-12-02 16:46:54

Das krame ich jetzt auch mal wieder raus!

ZoranTosic

2021-12-02 12:16:52

Auch bei mir in den Jahres Top 10.

Hätte nicht gedacht, das die noch mal so ein Album raushauen. Einziger Schwachpunkt für mich "Another Clockwork Day" - der kommt nach dem grossartigen "The Turning of our Bones" ziemlich ernüchternd

Martinus

2021-12-01 19:58:21

Ich muss das Album jetzt mal pushen, aber das hat mich gerade voll in seinen Bann gezogen. Fast jeder Song ein Hit. Kommt auf jedenfall ein meine Jahres Top 10.
Here comes Comus! zB, einfach nur Wahnsinn.

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