Buck Meek - Two saviors

Keeled Scales / Cargo
VÖ: 15.01.2021
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

No angel

Es gibt verschiedene Wege, Intimität zu erreichen. Nehmen wir einmal Adrianne Lenker und Buck Meek. Die amerikanischen Musiker*innen sind die prägenden Figuren bei Big Thief, der so ziemlich angesagtesten Indie-Folk-Band im Moment. Und beide haben sich bereits solo betätigt. Neben den Gemeinsamkeiten sind besonders die Unterschiede interessant. Denn beide machen zwar intime Folk-Musik. Doch wo Lenker fast körperlos durch ihre ätherischen Stücke gleitet, zeichnen sich die Songs von Meek durch eine zerbrechliche Handwerklichkeit aus. Meeks neues Album "Two saviors" bildet da keine Ausnahme, trotz fragiler Zartheit ächzt und knirscht es in den Liedern, die immer etwas windschief in den Angeln hängen. Dabei erteilt Meek mit seiner ausgezehrten, leiernden Gesangsstimme eine Lehrstunde in versehrter Schönheit, denn die mit unsicherem Zittern vorgetragenen Melodien sind Gold wert.

Big-Thief-Produzent Andrew Sarlo saß auch hier auf der Kommando-Brücke und stellte wie üblich die Bedingung, dass auf zweite oder dritte Versuche bei den Takes verzichtet werden sollte. So entstanden, aufgenommen in den wärmsten Monaten des Jahres in New Orleans, unperfekte aber charmante Kleinigkeiten, die gar nicht erst versuchen, makellos zu sein, sondern ihre Fehler mit einem Augenzwinkern in die Welt entlassen. Das wackelige Schunkeln von "Pareidolia" vermittelt sowohl zurückgelehnte Gemütlichkeit, als auch eine zaghafte Fragilität. Wenn Meek seine Melodien in den Schlaf wiegt, bewegt er sich tonal immer ein wenig neben der Spur, unperfekte Schönheit.

Die Instrumentierung könnte man schnell als Standard in Sachen Folk bezeichnen. Doch besitzt sie eine wackere Stabilität, die trotz ihrer Leichtigkeit einen rustikalen Widerpart zu Meeks seekranken Gesang abgibt. Wunderschön das Zusammenwirken der beiden Elemente in "Dream daughter", das Säuseln und zarte Sehnen in der Gesangslinien, dazu eine warmes, aber robustes Voranschreiten der instrumentalen Ausgestaltung. Man findet viele behagliche Nischen in diesen Songs, wenn die Pedal Steel gutmütig aufheult oder das Klavier ein paar Töne in die Außenbezirke der Stücke tröpfelt.

Doch das Hauptcharakteristikum ist die charmante Verunsicherung in Meeks Stimme, welche ob ihrer Angegriffenheit eine viel realistischere Zuversicht vermittelt, als ein Ritter in strahlender Rüstung. Das Versonnene, Ungefähre im schlingernden Vortrag vom Titelsong deutet an, dass manchmal Umwege gegangen werden müssen, man von der festen Route abweicht, aber irgendwie doch ankommt. "Two moons (Morning)" dagegen bietet einen verspielten Band-Sound, es klimpert, der Jazz-Besen streichelt das Schlagzeug und man hat das Gefühl, in eine Höhle der geselligen Behaglichkeit einzutreten. Dazu wieder diese körperlichen Andeutungen von Wimmern und Jaulen im Gesang, die zwar objektiv für Verzerrungen, ja Misstöne sorgen, den Stücken aber auch ein durch und durch menschliches Profil verleihen. Wo also bei Lenker ein vergeistigter Engel vor dem Auge der Hörerschaft aufersteht, kommt Buck Meek aus den staubbesetzten Ritzen eines abgetretenen Holzbodens. Intimität bieten auf ihre Art jedoch beide.

(Martin Makolies)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Pareidolia
  • Dream daughter
  • Two moons (Morning)

Tracklist

  1. Pareidolia
  2. Candle
  3. Second sight
  4. Two saviors
  5. Two moons
  6. Dream daughter
  7. Ham on white
  8. Cannonball! pt. 2
  9. Two moons (Morning)
  10. Pocketknife
  11. Halo light
Gesamtspielzeit: 36:59 min

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Armin

2021-01-13 20:29:55- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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