Jackie Lynn - Jacqueline

Drag City / Indigo
VÖ: 10.04.2020
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Maskenfall

Bevor die Maske zum alltäglichen Gebrauchsgegenstand wurde, wirkte sie außerhalb medizinischer Kontexte vor allem als Symbol. "Ich bin jemand anders", signalisiert auch Haley Fohr, wenn sie eine ihrer stylischen Gesichtsbedeckungen aufsetzt. Die Frau hinter dem experimentellen Folk-Projekt Circuit Des Yeux erschuf für ihr Zweit-Œuvre ein Alter Ego namens Jackie Lynn, mit dem sie Gender-Stereotype auf den Kopf stellt. Das selbstbetitelte Debütalbum zeichnete den Aufstieg und Fall seiner Heldin als Drogenbaronin, die nun auf "Jacqueline" als Truckerin ihrer Vergangenheit entflieht. Doch Fohr hat hier nicht plötzlich ihren inneren Springsteen entdeckt, um griffige Geschichten von der kleinen Arbeiterin zu erzählen, sondern bewahrt sich ihre gewohnte Mystik. Ein an David-Lynch-Filme erinnernder Vibe durchzieht ihre Musik auch in der Pop-Annäherung des Jackie-Lynn-Kostüms. Ur-amerikanische Roadhouse-Ästhetik trifft auf extravaganten Glitzer, der stets am surrealen Abgrund entlangtaumelt. Diese im Disco-Limbus wurzelnden, aber immer unvorhersehbaren Synth-Strudel entwickeln mit den einsamen Bewusstseinsströmen der Highway-Odyssee einen Sog, aus dem es kaum ein Entkommen gibt.

Zu Beginn steigt die mysteriöse "Casino queen" als funkelnder Dämon mitten auf der Tanzfläche empor. Wie ein Motor pumpt der stoische Beat voran, unbeeindruckt von elektronischen Zuckungen, die erst am Ende die Oberhand gewinnen. Der Glam-Rock-Stampfer "Shugar water" fokussiert die Faszination der Gegensätze vielleicht am präzisesten: Fohrs an Nico gemahnende Grabesstimme schmettert einen angeschwipsten Mitsing-Refrain und die freidrehenden Gitarren treffen genau den Sweet Spot zwischen Pop und Kurzschluss. "Dream St." vollzieht oberflächlich eine Kehrtwende, gerät aber genauso ambig und sogar noch einnehmender. In dieser Jackie-Lynn-Definition einer Country-Ballade tauen Streicher und markerschütterndes Klagen die synthetische Kälte solange auf, bis man sich selbst nicht mehr über Wasser halten kann. "I got everything you need", singt Fohr im zarten Ambient von "Lenexa" und formuliert damit ihr Mission Statement. Die Chicagoerin und ihre Begleitband, die Bitchin Bajas, tischen ein durchaus üppiges Büffet an Sounds und Stimmungen auf – auch wenn alle Gerichte die Eigenschaft teilen, dass sie einen beim Verzehr auf direkten Weg in die Black Lodge befördern.

So kollabiert der Landstraßen-Blues von "Traveler's code of conduct" in ein morbides Dröhnen, nach dem Fohr nur noch ein kryptisches "The moon is my incubator" skandieren kann. In "Short black dress" thront sie über einem Strom von Bläsern und Rückwärts-Gitarren, während das hochinfektiös groovende "Diamond glue" ein Kristallschloss aus Daft-Punk'schem Synth-Funk aus dem Boden hebt. "Odessa" konzentriert den Geist des Albums in seiner ganz eigenen, siebenminütigen Irrfahrt: eine berauschte und berauschende Hypnose, am Leben gehalten vom stetigen Drumcomputer-Puls, hart umkämpft von einem Schwarm von allerlei Geräuschen und Stimmeffekten. Schließlich erzeugt das finale "Control" in seinem gleichermaßen minimalistischen wie den ganzen Kosmos umspannenden Gestus eine Intimität, die diesem verzerrten Maskenball zu Beginn nicht zuzutrauen war. "Jacqueline" ist nicht nur eine musikalisch begeisternde Reise über verlassene Highways und die Seitengassen der Zwischenwelt, sondern liefert auch eine überraschende Erkenntnis: Hinter dem Konzept-Kostüm der truckfahrenden, in sich selbst versunkenen Disco Queen ist einem Haley Fohr womöglich so nah wie nie zuvor.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Shugar water
  • Dream St.
  • Odessa

Tracklist

  1. Casino queen
  2. Shugar water
  3. Dream St.
  4. Short black dress
  5. Lenexa
  6. Odessa
  7. Traveler's code of conduct
  8. Diamond glue
  9. Control
Gesamtspielzeit: 38:20 min

Im Forum kommentieren

Deaf

2021-01-06 16:44:14

Gutes Album, das zurecht doch noch rezensiert wurde. 7/10

saihttam

2021-01-06 13:04:21

Schön!

Armin

2021-01-05 20:27:04- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

"Vergessene Perle 2020".

Meinungen?

humbert humbert

2020-11-10 23:48:04

Das oder Kelly Lee Owens wird mein Album des Jahres.

humbert humbert

2020-06-05 21:28:13

Immer noch ein tolles Album!

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