AC/DC - Power up

Columbia / Sony
VÖ: 13.11.2020
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Back in red

Februar 1980. AC/DC sind am Ende. Die Band, die kurz zuvor mit "Highway to hell" ein Album für die Ewigkeit erschaffen hatte, mussten den Tod ihres Frontmanns Bon Scott betrauern, der nach einer durchsoffenen Nacht im Auto seines Freundes einschlief und nie wieder aufwachte. Doch als niemand einen Pfifferling auf die Band gibt, wird nur wenige Wochen später ein neuer Sänger präsentiert, und kurz darauf erscheint mit "Back in black" ein Album, das nicht nur eine tiefe Verbeugung vor Scott ist, sondern zu einem der meistverkauften Alben der Geschichte – nur Michael Jackson konnte mit "Thriller" mehr Einheiten absetzen. Zeitsprung ins Jahr 2016: Die Tour zum ohnehin äußerst mäßig inspirierten Album "Rock or bust" gerät fast zum Desaster, als Sänger Brian Johnson seinen Hörproblemen Tribut zollen und abbrechen muss. Und durch niemand geringeren als Axl Rose ersetzt wird – eine heftigst umstrittene, aber letztlich erfolgreiche Maßnahme, denn der seinerseits körperlich angeschlagene Rose absolviert die Auftritte zwar teils im Sitzen, aber mit großem Respekt vor dem Werk der Australier. Während Drummer Phil Rudd seine Strafe wegen Morddrohungen im Hausarrest absitzt, dabei seine Drogensucht bekämpft, und auch Bassist Cliff Williams frustriert das Handtuch wirft, folgt 2017 das vermeintliche Aus, als Malcolm Young, Gründer der Band und Schöpfer einer Unzahl so meisterhafter Riffs mit gerade einmal 64 Jahren den Dämonen des Alkohols und der daraus resultierenden körperlichen Schäden erliegt. Wieder stellt sich die Frage: Quo vadis, AC/DC?

Ein knappes Dreivierteljahr später tauchen Fotos im Netz auf, die Johnson und Rudd lachend bei Kaffee und Kippe auf der Terrasse eines Studios im kanadischen Vancouver zeigen. Dem Studio, in dem AC/DC schon einige Platten eingespielt hatten. Die wollten doch nicht etwa...? Doch, sie wollten. Denn in guter alter Blues-Brothers-Manier hatte sich die Band tatsächlich zusammengefunden, um ein neues Album einzuspielen. Nun ist hoffentlich niemand so vermessen und erwartet, dass "Power up" auch nur annähernd in die Reichweite von "Back in black" kommt. Die Vorabsingle "Shot in the dark" ließ dementsprechend noch keine Euphorie aufkommen, aber ist zumindest eine positive Überraschung – nach all dem Trubel ist ein Urteil wie "typischer AC/DC-Song" schon fast ein Ritterschlag. Wie gut "Power up" allerdings wirklich werden sollte, wusste zu dem Zeitpunkt der Veröffentlichung der Single wohl nur die Band selbst.

Denn der Opener "Realize" versprüht im Laufe seiner nur dreieinhalb Minuten Spielzeit mehr Esprit als "Rock or bust" auf kompletter Album-Länge. Der Song marschiert entschlossen voran, angetrieben vom gewohnt stoischen Drumming Phil Rudds, Brian Johnson ist für seine 73 Jahre famos bei Stimme. Und wer es nicht schon nach drei Sekunden erkannt hat, weiß allerspätestens nach dem ersten Gitarrensolo von Angus Young, der selbstverständlich auch mit 65 Jahren noch mit Schuluniform herumturnt, dass man sich hier auf einer AC/DC-Platte befindet. Und jetzt ergibt auch "Shot in the dark" so richtig Sinn, fügt es sich doch wunderbar in den Flow zwischen dem rotzigen "Rejection" und dem fluffig-leichtfüßigen "Through the mists of time" ein. Wer hingegen immer noch meint, die Rock-Veteranen wären nicht mehr bereit für Experimente, darf sich gerne von "Kick you when you're down" eines besseren belehren lassen. Gern auch darf man sich in "Witch's spell" von Angus Youngs Gitarren-Lick im Intro oder dem feinen Groove in die Irre führen lassen, würde dabei aber die Arbeit von Cliff Williams am Bass vernachlässigen, die hier tatsächlich über die stoischen Viertel oder Achtel hinausgeht.

Natürlich waren all diese Zwischenrufer schneller wieder da, als Angus Young auf der Bühne herumrutscht. Altherrenrock sei das, die ewig gleiche Stampfmusik von alten Männern für alte Männer. Ganz ehrlich – who gives a fuck? Das wusste man bei Motörhead auch, nur nannte man es da "bewundernswerte Konsequenz". Und natürlich stammt ein Großteil der unsterblichen Klassiker aus den Siebzigern, als die Australier noch frisch und unverbraucht die Bühnen zerlegten. Das Ungestüme dürfen gerne die Landsleute von Airbourne erledigen oder eben junge Underground-Truppen wie Hardbone aus Hamburg. Es gibt nichts und niemanden, dem AC/DC noch irgendetwas beweisen müssten außer sich selbst. Der einzige Druck, den sich die Band auferlegt hat, ist derjenige, ein Album zu produzieren, auf das Malcolm Young dort oben auf seiner Rock'n'Roll-Wolke stolz sein kann. Und das ist Brüderchen Angus samt Kollegen mit "Power up" eindrucksvoll gelungen, so eindrucksvoll wie seit vielen Jahren nicht mehr.

(Markus Bellmann)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Realize
  • Demon fire
  • Wild reputation
  • Code red

Tracklist

  1. Realize
  2. Rejection
  3. Shot in the dark
  4. Through the mists of time
  5. Kick you when you're down
  6. Witch's spell
  7. Demon fire
  8. Wild reputation
  9. No man's land
  10. Systems down
  11. Money shot
  12. Code red
Gesamtspielzeit: 41:06 min

Im Forum kommentieren

fuzzmyass

2020-11-18 21:23:08

7/10 gehe ich mit, super Album

Armin

2020-11-18 20:42:38- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

horstkevin

2020-11-13 09:29:05

4/5 auf Laut.de

fuzzmyass

2020-11-13 03:16:22

Ich finde beide Songs super... klar, schon 100 Mal von ihnen ähnlich gehört, aber das swingt und grooved immer noch, ist frisch und Brian Johnson klingt fantastisch... die Songs könnten so auch aus den 80ern oder 90ern sein, man merkt hier keine Altersmilde oder Verwässerung des Sounds...

Christopher

2020-11-13 01:19:28

Voller Selbstzitate, aber das ist natürlich Absicht. Gefällt mir.

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