Madsen - Na gut dann nicht

KEEK / Arising Empire / Edel
VÖ: 09.10.2020
Unsere Bewertung: 5/10
5/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Zwischendrin

"Breaking News" aus dem Wendland! Scherz. Dafür kann man dort bei genauem Hinsehen so manchen Wohnhäusern und der gemeinschaftlichen Infrastruktur beim Bröckeln zusehen, ähnlich wie anderswo in ländlichen Gegenden. Die Madsen-Brüder Sebastian, Sascha und Johannes sind mit ihrer Heimat noch immer verwurzelt – und irgendwie muss man diese geerdeten Typen, die als Band auch immer mal wieder für einen unpeinlichen Ohrwurm gut sind, sowieso mögen. Doch mit "Kompass" und "Lichtjahre"  kamen Madsen der Deutsch-Pop/Rock-Beliebigkeit dann doch recht nah. Doch in der Covid-19-Pandemie hatte man plötzlich viel Zeit, sich Gedanken zu machen. Über unschöne Entwicklungen innerhalb der Gesellschaft, zum Beispiel.

Oder man schwelgte in Erinnerungen, zum Beispiel an die Anfangstage als Band, an Grunge und Punkrock. In jene Zeit, als Musikmachen noch Hobby war und weniger eine berufliche Pflicht gegenüber Plattenfirma oder Fangemeinde. "Na gut dann nicht" heißt der Schuss aus der Hüfte, das spontane Punkrock-Album, mit dem Madsen ihre musikalischen Einflüsse offenlegen. Das hört man der Platte an, denn bis auf die Hymne "Behalte Deine Meinung", welche Social-Media-Schreihälse und Besorgtbürger recht fix auf den "Nicht mehr abonnieren"-Button klicken lässt, reiht sich kaum ein Stück in den gewohnten Madsen-Sound ein.

Musikalisch geht es durchaus direkter, krawalliger und thematisch politischer zu. Das ist mutig für eine Band, die auch das Rock-am-Ring-Publikum und den Fußball-Stammtisch um sich schart. Nett zum Beispiel die PR-Finte, die sich Madsen zu "A.w.M." ausdachten, einem Stück über "alte weiße Männer", das zwar polemisch und plump daherkommt, aber seine Berechtigung hat in Tagen, in denen Friedrich Merz als Zukunft der CDU gilt und in den USA zwei Greise um das Weiße Haus kämpfen. In jedem Fall sorgte der angebliche Debüt-Hit einer angeblichen Teenie-Punk-Kombo in Kombination mit dem wenig netten Text über YouTube und Instagram für einigen Wirbel. Ist aber inzwischen aufgelöst: Hinter der Fake-Band JungeScheißePunX verbargen sich Madsen. Provokation geglückt! Voll im Soll auch das melodisch-flotte "Scheiße zu Gold", das thematisch ein wenig tiefer blickt und hintenraus ähnlich ohrwurmig ist wie das spaßige "Trash TV", zu dessen Tempo, Akkorden und Chorgesang die ehrwürdigen Bad Religion sicherlich den Daumen heben würden.

Für "Na gut dann nicht" als Ganzes gilt das jedoch nur bedingt. Was an den oft zu oberflächlichen Lyrics und der teils harmlosen musikalischen Umrahmung liegt. So geht "Herzstillstand" zwar gut nach vorn und entlockt spätestens mit seiner Goldenen-Zitronen-(... äh ... Alphaville-) Reminiszenz ein Grinsen, das Fazit "Punk ist nicht tot, Digga" zieht jedoch selbst mit Augenzwinkern kaum. Ähnlich harmlos kommt "Quarantäne für immer" daher, oder der UK-Punk-Ableger "Auf Deinem Balkon". Besser wird's im Mittelteil, wenn das räudige "Supergau" in der Strophe ein Gläschen 80s-Hardcore-Schnaps nippt, und "Protest ist cool, aber anstrengend" im Trend liegende Protestbewegungen recht treffend mit dem perfekt inszenierten Selbstbild bei Instagram in Verbindung bringt, das natürlich wichtiger ist als der Protest selbst. Nun steht diese Platte aber in einem ähnlichen Spannungsfeld: Punk als schnell haftendes Etikett, welches man einer Zwischendrin-Platte mal eben anpappt, erinnert dann leider auch ein bisschen an Ramones-Shirts bei H&M. Sollte dies aber ein paar Jungspunde zum Punkrock führen, sagen wir: Fünfe gerade.

(Eric Meyer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Protest ist cool, aber anstrengend
  • Scheiße zu Gold
  • Trash TV

Tracklist

  1. Na gut dann nicht
  2. Herzstillstand
  3. Quarantäne für immer
  4. Auf Deinem Balkon
  5. Supergau
  6. Protest ist cool, aber anstrengend
  7. Scheiße zu Gold
  8. A.w.M.
  9. Behalte Deine Meinung
  10. Trash TV
  11. Wenn Du am Boden liegst
  12. Wir nennen Dich Mücke
  13. Na gut
Gesamtspielzeit: 35:21 min

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All Crips are Bloods

2022-04-23 17:15:43

Vielleicht mal eine etwas kontroverse Meinung zu der Band. Alle reden ja im positiven Sinne immer von dem Debüt. Ich finde, ihr bestes Album ist ihr drittes: "Frieden im Krieg".
Das ist so eine herzliche und schöne Platte. Ihren bandtypischen Spagat zwischen Punk und Schlager ist ihnen hier am besten gelungen.

Ich gebe aber auch nochmal "Na gut dann nicht" eine Chance. Vielleicht macht es bei mir ja doch noch klick.

Pole

2022-04-23 12:16:18

@All Crips are Bloods

Danke.

Wie gesagt: Dachte auch, es erreicht mich natürlich nicht wirklich und habe es nur aus Spaß gekauft. Aber auf einmal dauernd gehört.

All Crips are Bloods

2022-04-23 12:04:23

@Pole

Schön gesagt, das glaube ich auch. Ist auch ein geiler Move, keine Frage. Würde es eigentlich auch gerne feiern können, aber in der Form erreicht es mich nicht.

Pole

2022-04-23 11:50:14

@All Crips are Bloods

Natürlich hat es nicht diese traurige Abgründigkeit von Jens Rachut oder Claus Lüer, aber es ist eine geile Verbeugung. Man merkst an jeder Stelle, dass die Deutschpunk richtig lieben.

All Crips are Bloods

2022-04-23 11:45:32

Einspruch. Ich find es irgendwie auch sympathisch, aber das Songwriting ist mir dann doch zu banal und dünn. Ich erkenne auch nicht mal im Ansatz die Klasse eines Rachut oder Claus Luer in seiner Hochphase. Für mich klingt das eher nach einer leicht verpunkten Version von Brings. Karnevalspunk.

Dass Sie das besser können zeigten sie mit ihrem Song "Blockade" von 2010. Der scheppert richtig. Lustigerweise inmitten eines ziemlich poppigen Albums.

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