Future Islands - As long as you are

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 09.10.2020
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Wandle sacht und wandle stets

Zurück im bewährten musikalischen Kontext: Nach seinem Soloausflug in den edgy Alternative Rap mit "Back to the house" unter dem Pseudonym Hemlock Ernst ist Samuel T. Herring wieder bei seiner Stammband Future Islands angelangt. Und macht mit seinen Kollegen in etwa da weiter, wo sie mit "The far field" zuletzt aufgehört haben. Klar, ihr melancholisch ins Ungewisse schlingernder Indie-Pop entwickelte sich im vergangenen Jahrzehnt wahrlich zu einem Sound der Stunde, Herrings Stimme, die zwischen sonorem Geschichtenerzähler und wahnwitzigem Tollwutsanfall oszillierte, erzeugte nicht selten einen warmen, wohligen Schauer. Dieser Herring ist ja grundsätzlich schon so ein Irrer: halb Entertainer, halb Werwolf, halb Derwisch, halb Zirkusartist. Insgesamt also mehr als in einen herkömmlichen Menschen sonst so reinpasst. "As long as you are" beschreibt nun jedenfalls den Schritt zurück ins gewohnte künstlerische Umfeld, ohne zu viele experimentelle Gratwanderungen zu wagen. Es ist erneut ein Farbenspiel der Emotionen, ein musikalisches Schattentheater, in dem man sich leicht verlieren kann.

Das Spannende an dieser Band ist ja, dass sie sich vielen Kategorisierungen zu entziehen vermag. Es gibt darüber hinaus nicht das eine Meister- oder Referenzwerk, an dem sie sich immer wieder aufs Neue messen lassen müssen. Mit jedem Album gibt es minimale soundästhetische Verschiebungen, die man erst mit der Zeit bemerkt. Und so erklärt es sich auch, dass nahezu jedes Album seine überzeugten Fürsprecher hat. Der Autor dieser Zeilen hält beispielsweise "The far field" für ihre bislang beste Arbeit, ist sich aber bewusst, dass dies wohl kaum eine mehrheitsfähige Meinung sein dürfte. "As long as you are" hat also von vornherein einen schweren Stand, macht seine Sache aber gut. "Thrill" dürfte aus dem Stand den Einstieg in die inoffiziellen Future-Islands-Top-Ten schaffen und das, obwohl es die Band aus Baltimore, Maryland hier eher ruhig und langsam angehen lässt. Im Zentrum steht Herrings Stimme, die kraftvoll und doch verletzlich alle Aufmerksamkeit auf sich vereint. Drumherum platzieren sich sachte Drums und enigmatische Synthies, die zu jedem Zeitpunkt die richtigen Akzente setzen.

Auch stark, wie "For sure" zu Beginn erstmal einen waghalsigen Achtziger-Beat antäuscht, um doch die Kurve in die Gegenwart zu kriegen, sich dann zusehends mit Energie auflädt und zum Refrain hin den angestauten Dampf ablässt. Der Bass rollt dabei verlässlich nebenher, treibt die restlichen Arrangements mit Nachdruck voran. Und "City's face" punktet mit zart zur Schau gestellter Melancholie: Herrings Stimme kann schließlich nicht nur den brünftigen Röchelhirschen, sondern auch den verletzlichen, zerbrechlichen Herzausschütter. Ein Großteil der Stücke pendelt also zwischen diesen Inkarnationen des Frontmanns, der – wie kaum ein Zweiter im aktuellen Indie-Pop-Rock – seiner Band einen unverwechselbaren Stempel aufdrückt. Die Gefahr, das Rad zu überdrehen besteht dabei freilich immer und auf "As long as you are" schleicht sich gerade im Mittelteil vielleicht auch der ein oder andere etwas austauschbarere Song in die Tracklist, der sich zu sehr auf Herrings Stimme fokussiert, ansonsten aber eher blass bleibt. Doch das ist lediglich Jammern auf hohem Niveau. Ein Blick ins Forum zeigt: Auch dieses Album hat schon seine glühenden Fans. Und auch wenn man eventuell (noch) nicht zu ihnen zählt, freut man sich für jeden einzelnen.

(Kevin Holtmann)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • For sure
  • City's face
  • Thrill

Tracklist

  1. Glada
  2. For sure
  3. Born in a war
  4. I knew you
  5. City's face
  6. Waking
  7. The painter
  8. Plastic beach
  9. Moonlight
  10. Thrill
  11. Hit the coast
Gesamtspielzeit: 44:27 min

Im Forum kommentieren

qwertz

2020-10-15 15:36:12

Ich mag die Band sehr, kann aber seit jeher mit den langsamen Songs nicht viel anfangen. Der Markenkern ist für mich eher Tanzfläche und Groove gepaart mit unverwechselbarer Soulstimme. Da wirken die Songs ohne (oder mit verschleppten) Drums auf mich wie ein Stimmungskiller. Für gefühlvolle Balladen greife ich lieber in ein anderes Regal. Daher reiht sich "As long as you are" für mich wohl eher ins hintere Drittel der Diskografie ein.

Gordon Fraser

2020-10-15 15:05:24

Sehe das ähnlich. Mir ist das zu überraschungsarm. Hatte das Problem aber auch schon mit dem Vorgänger.

fakeboy

2020-10-15 14:56:47

Hab reingehört und schlicht bei jedem einzelnen Song das Gefühl gehabt, ich hätte diesen schon auf einem der letzten Alben gehört. Die Band hat ihren Sound etwas zu klar abgesteckt. Fast schon AC/DC-mässig...

eric

2020-10-15 12:35:59

Ich glühe noch nicht sehr hell, aber erstmals seit "Singles" höre ich ein Album von Future Islands komplett an und sehr gerne wieder.

"Born in a war" zählt für mich klar zu den Highlights.

Armin

2020-10-14 21:05:43- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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