Napalm Death - Throes of joy in the jaws of defeatism

Century Media / Sony
VÖ: 18.09.2020
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Immer mitten in die Fresse rein

1987 erschien ein Album, das die Welt der extremen Musik verändern sollte. 31 Minuten lang bellte eine Band aus Birmingham ihre zornige, über alle Maßen extreme Mischung aus Punk und Metal, die man später einmal Grindcore nennen sollte, in die Welt hinaus – mit 28 Songs in dieser Spielzeit, der kürzeste gerade einmal eine Sekunde lang. Das Album hieß "Scum" und die Band Napalm Death, die zuvor fünf Jahre lang im englischen Underground lärmte. Der Durchbruch nach diesem alles in Stücke reißenden Inferno folgte noch im selben Jahr, als der legendäre John Peel der Band die Chance gab, sich in der großen BBC zu präsentieren. Als einige Jahre später Frontmann Lee Dorrian die Band verließ, um mit Cathedral fortan zäh schleppenden Doom zu spielen, stieß mit Mark "Barney" Greenway ein Sänger dazu, der gemeinsam mit Bassist Shane Embury bis heute das Gerüst der Gruppe bildet. Mit unerschütterlicher linker Attitüde und immer mit der Devise, so laut und so schnell zu spielen wie möglich.

Im Grunde hat sich also 33 Jahre nach diesem bahnbrechenden Debüt nichts geändert. Auch zum 16. Album "Throes of joy in the jaws of defeatism" verkündet Greenway unverdrossen: "You don't stop playing fast as fuck. You just don't do it." Das selbe Getrümmer also wie in all den Jahren zuvor auch, nur dass die Songs mittlerweile etwas länger geworden sind und mit teils mehr als vier Minuten Länge fast schon Prog-Format annehmen? Der Eindruck drängt sich zumindest zu Anfang der Platte auf. Denn die eröffnenden drei Tracks nehmen keine Gefangenen und hinterlassen nichts weiter als rauchende Trümmer, headbangen angesichts des irrwitzigen Tempos völlig zwecklos. Doch gerade der Opener "Fuck the factoid" hält ein wunderbares Riff versteckt, das die Prügelei irgendwie zusammenhält. Doch wer dem Genre nicht allzu viel abgewinnen kann, dürfte spätestens bei dem Massaker "The curse of being in thrall" verzweifelt abwinken, während der Connaisseur vor allem das fiese kleine Break im Mittelteil feiert.

Dann – endlich, mögen manche sagen – gehen die Nordengländer tatsächlich ein klitzekleines bisschen vom Gas. Doch nicht etwa, weil sie altersmilde werden, sondern weil plötzlich in das Getrümmer feine Einsprengsel verschiedener Einflüsse eingearbeitet werden. "Invigorating clutch" beispielsweise überzeugt mit einer gehörigen Sludge-Schlagseite, natürlich nur, um umgehend von "Zero gravitas chamber" wieder im Stücke gehackt zu werden. Die wirkliche Überraschung soll jedoch noch folgen. Plötzlich wird es geradezu tanzbar, eine Vokabel, die wohl auch noch nie im Zusammenhang mit Napalm Death benutzt wurde. Denn "Amoral" ist nichts anderes als ein feines Stück Post-Punk, klingt wie eine etwas aggressivere Version von Killing Joke. Und da "Amoral" vorab als Single veröffentlicht wurde, sind einige Fans vermutlich immer noch dabei, sich von der Schnappatmung zu erholen.

Denn natürlich dürfte eher die Hölle zufrieren, als dass die Briten von ihrer üblichen Linie abweichen würden, auch wenn der Rausschmeißer "A bellyful of salt and spleen" mit düster-kalten Industrial-Sound verstört. Doch ansonsten bleibt für subtile Botschaften kein Platz, regiert der grobe Schlag in die Visage. Aber warum sollten Napalm Death sich auch ändern? Wenn Motörhead über Jahrzehnte ihren Rock'n'Roll im Kern unverändert gelassen haben, dürfen die Urväter des Grindcore dies schon mal erst recht. Zumal, wenn in diesem Genre durch Stümper wie Excrementory Grindfuckers viel zu oft der Ballermann regiert. Der Spruch "... und kein bisschen leise" ist nun schon mehr als ausgelutscht, doch auch 33 Jahre nach dem Debüt weiß man immer noch, was man bei Napalm Death bekommt. Manchmal muss Haltung eben eingeprügelt werden.

(Markus Bellmann)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Fuck the factoid
  • Invigorating clutch
  • Amoral
  • A bellyful of salt and spleen

Tracklist

  1. Fuck the factoid
  2. Backlash just because
  3. The curse of being in thrall
  4. Contagion
  5. Joie de ne pas vivre
  6. Invigorating clutch
  7. Zero gravitas chamber
  8. Fluxing of the muscle
  9. Amoral
  10. Throes of joy in the jaws of defeatism
  11. Acting in gouged faith
  12. A bellyful of salt and spleen
Gesamtspielzeit: 42:31 min

Im Forum kommentieren

Schwarznick

2020-09-27 11:10:54

auf platz 18 in den charts eingestiegen. not bad :D

MrStrangiato

2020-09-27 09:27:23

Auf den aktuellen Bandphotos sieht Barney aus wie Heinz Becker :)

Rainer

2020-09-24 12:49:29

Einfach das gleiche nochmal gepostet. Wie originell.

RandomChance

2020-09-24 11:36:57

Und als Follow-Up (ein Song daraus). :D

RandomChance

2020-09-24 11:31:31

Klassiker.

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