Omar Rodriguez-Lopez - The Clouds Hill tapes parts I, II & III

Clouds Hill / Warner
VÖ: 24.07.2020
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Die anachronistische Abendunterhaltung

Von meiner Wohnung aus ist es eine gute Viertelstunde mit dem Fahrrad bis zum Elbpark Entenwerder, einem hübschen Fleckchen Natur neben den Elbbrücken. Hier hat man einen schönen Blick auf ein Hafengebiet jenseits der sattsam bekannten Tourimeilen. Es liegt im Südosten Hamburgs, noch nördlich der Elbe aber – in diesem seltsamen Teil der Stadt zwischen Rothenburgsort und Bergedorf, der zwischen spärlichen Sozialwohnungs-Ansammlungen, potthässlicher Industrie, dem obligatorischen Ikea, schöner Natur und dörflichen Drei-Straßen-Siedlungen einfach kein stimmiges Gesamtbild abgeben will. Vielleicht deshalb ein perfekter Ort für die in alle Experimentier-Richtungen offenen Clouds Hill Studios, die sich über die vergangenen Jahre einen internationalen Ruf aufbauen konnten. Omar Rodriguez-Lopez war schon früher ein gern gesehener Gast, hatte er doch nicht nur mit Bosnian Rainbows dort ein Livealbum produziert, sondern auch mit den legendären Krautrockern von Faust ein, sagen wir, experimentelles Stück Performance-Kunst erschaffen.

Ungefähr dreieinhalb Kilometer Luftlinie von dem Ort entfernt, an dem ich diesen Text eintippe, wurde also das vorliegende dreiteilige Werk "The Clouds Hill tapes" im November 2018 aufgenommen. 18 Songs stammen von neun der insgesamt 22 (!) Studioalben aus der Ipecac-Serie 2016/2017, dazu gibt es zwei bisher unveröffentlichte Kompositionen. Wer sich nun ein wildes Querbeet-Genre-Hopping analog der Diskografie des überproduktiven Texaners ausrechnet, dürfte mit der Session eine Überraschung erleben. Da die Besetzung über die gesamte Zeit gleich bleibt, nisten sich auch die Songs in einer komfortablen, loungigen Atmosphäre ein. Fieser Lärm, Gitarrensoli in halsbrecherischer Geschwindigkeit, Elektro-Gebrutzel – nix da. Am Mikro sorgt die spanische Sängerin Virginia Garcia Alves für eine rauchige Note, viele Songs stützen sich auf das angejazzte Klavier des Argentiniers Leo Genovese. Die Stücke bekommen so einen zeitlosen Touch.

Zwar geht es mit Stücken des "Roman lips"-Albums recht flott in die Sache hinein und besonders "Fishtank" legt sein melodisches Potenzial noch besser frei. Doch recht schnell wird klar, dass es über die gesamten 80 Minuten eher um Zurückhaltung, Finesse und geschmackvolles Entertainment geht. Die Auswahl umschifft nicht ohne Grund die experimentellen Platten der Ära und konzentriert sich neben dem erwähnten "Roman lips" besonders auf "Umbrella mistress". Mit ganzen sechs Songs ist mehr als die Hälfte jenes Albums vertreten, auf dem Rodriguez-Lopez äußerst überzeugend den Crooner gab. Demnach passen auch Tracks wie "Houses full of hurt" oder "Tell me what I did wrong" besser in dieses Late-Night-Setting als beispielweise "To kill a chi chi", dem einfach die leichte Noise-Unterlage für seinen inneren Popsong fehlt. Dann gerät die Eleganz trotz Garcia Alves' starken Vocals zum Plätschern und die Neufassung bleibt hinter dem Original zurück.

Starke Momente hat "The Clouds Hill tapes" demnach woanders. "Fool so bleak", im Original auf "Killing tingled lifting retreats" schon bezaubernd, lässt die Band stellenweise wie Mazzy Star klingen, bevor die Klimax den Song nach vorne schießt. Von den neuen Stücken fügt sich besonders stimmungsvolle "It all begins with you" gut ein, während "Born to be a nobody" mit seinem seltsam hektischen Refrain einer der wenigen Ausfälle ist. Natürlich sind diese Tapes auch in ihrer relativ gleichförmigen Stimmung etwas fordernd auf ganzer Länge – Teil zwei begnügt sich sogar fast nur mit reduzierten Piano-Versionen und hält dadurch den Schwung etwas zu lange an. Meist funktionieren aber die kleinen oder großen Kniffe, die das Projekt zu weit mehr machen als nur einem bloßen Nachspielen alter Stücke mit neuer Band. Aber wer Stillstand von Rodriguez-Lopez erwartet, setzt ja ohnehin aufs falsche Pferd. Dessen Diskografie ist noch mehr Flickenteppich als der Hamburger Südosten.

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Fishtank
  • Science urges
  • Fool so bleak
  • Killing out
  • Paint yourself a saint

Tracklist

  • Part 1
    1. Roman lips
    2. Fishtank
    3. Bitter tears
    4. Houses full of hurt
    5. Science urges
    6. Fool so bleak
    7. Arcos del amor
    8. To kill a chi chi
  • Part 2
    1. Diamond teeth
    2. Vanishing tide
    3. Eastern promises
    4. Through wires
    5. Killing out
    6. We feel the silence
  • Part 3
    1. Winter's gone
    2. It all begins with you
    3. Running away
    4. Paint yourself a saint
    5. Born to be a nobody
    6. Tell me what I did wrong
Gesamtspielzeit: 79:17 min

Im Forum kommentieren

Armin

2020-07-31 21:42:33- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

N. Senada

2020-05-29 17:50:26

Zumindest beim ersten handelt es sich um einen bisher unveröffentlichten Track, der beim Clouds Hill Festival 2018 performt wurde.

Interessant: Offenbar ist jede der 12" in einem anderen Genre eingespielt worden. Jemand auf Reddit hat zudem behauptet, es handele sich auch um drei verschiedene Besetzungen.

Felix H

2020-05-29 16:20:57

"It All Begins With You" und "Born To Be A Nobody" scheinen ganz neu zu sein oder umbenannte Tracks.

Affengitarre

2020-05-29 15:22:37

Das sollte die letzte Welle sein, also "Sworn Virgins" bis "Doom Patrol".

The MACHINA of God

2020-05-29 14:01:43

War das die erste oder die zweite Welle der ORL-Releases?

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