Neptunian Maximalism - Éons

I, Voidhanger
VÖ: 26.06.2020
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Alles. Und noch viel mehr

128 Minuten. Drei physische Tonträger. Eine ellenlange Titelliste: "Éons" von Neptunian Maximalism ist schon in seinen Ausmaßen episch. Was die Belgier jedoch innerhalb dieser zwei Stunden abliefern, ist noch größer als die reinen Zahlen. Dieses Album ist fordernd, ein Brocken, ein Monolith – womit wir auch schon bei einer der ersten Referenzen wären – Sunn O))). Dazu später mehr, denn jeder der drei Teile geht einen eigenen, unbändigen Weg. Versuchen wir einmal, diesen nachzuvollziehen.

"To the Earth" ist der erste Abschnitt. Es röhrt direkt los. Ein basslastiges Saxophon wie bei den Italienern von Zu? Dazu wiederkehrendes Getrommel aus der Rhythmussektion. Klar, erste Eingebung hierzu sind Swans. Jazz, Noise, Rock? Hier verschwimmt alles. Keine Zuordnung auch sprachlich in allen Titeln: "Daiitoku-myoo no odaiko 大威徳明王 鼓童 - l'Impact de Théia durant l'Éon Hadéen" als Opener. Stimmen? Erst einmal Fehlanzeige. Im folgenden "Nganga - Grand guérisseur magique de l'ère Probocène" tribalistische Laute, dazu Neubauten-like-Geschepper der alten Schule à la "Halber Mensch". Zentrales Stück im ersten Drittel ist "Ptah Sokar Osiris - Rituel de l'ouverture de la bouche dans l'Éon Archéen". Spacerock, Noise, Psychedelic, dabei brutal groovend und, man mag es kaum so nennen – eingängig – trotz der gefühlt hundert parallelen Soundspuren. Immer wieder aus dem Nichts alles einreißende Soundwände. Die hier schon einsetzenden orientalischen Elemente verdichten sich im letzten Part "Enuma eliš - La mondialisation ou la création du monde : Éon Protérozoïque" mit entsprechenden Gesangsspuren. Brutal Prog ist eine der Genrezuschreibungen für "Éons", Spiritual Jazz eine andere. Beide passen, so wie Dutzende andere im weiteren Verlauf auch. "To the Earth" allein? Eine überragende 9/10.

"To the moon" heißt es nun für die nächsten sechs Songs. So viel ändert sich erst einmal nicht, die schrägen Bläser werden genauso mitgenommen wie scheppernde Drums und der unbändige, tribalistische Groove des ersten Drittels. Kernstück der Reise zum Mond ist das in drei Teile gesplittete "Vajrabhairava". Hierbei entfernen sich die Belgier endgültig von gängigen Songstrukturen. Part I, "The summoning (Nasatanada zazas!)", zerlegt vollends sämtliche Melodien, nur um in ein ausgespieltes, zweiminütiges Riff überzugehen. Sunn O))) wären sicher stolz auf diese einschneidende Säge mit der Saite. "Part III - The great wars of quaternary era against ego" übernimmt diese Basslinie und fügt nun wieder die bisher bekannten Elemente (Lärm, mehr Lärm, kakophonischer Lärm) hinzu. Achteinhalb Minuten später plötzlich: Stille. Die vorgezogene Pause ist etwa dreißig Sekunden lang, ehe sich wieder eine zunächst schüchterne Bläsermelodie hervorwagt, zaghaft hängen bleibt und langsam endet. Ein letzter Teil des Mondes fehlt jedoch noch. Mit zwölf Minuten der bislang längste Song "Ol sonuf vaoresaji! - La sixième extinction de masse : Le génocide Anthropocène" ist nach den bisherigen Ritten schon fast eine Erholung, trotzdem natürlich eher eine Erholung auf Mike-Patton-John-Zorn-Level. Die Reise zum Mond ist weniger nach vorn preschend als die Erde, teilweise noch konfuser, noch zerstückelter und erreicht eine 8/10.

"To the sun" versammelt nun noch vier recht lange Stücke. Das erste davon, "Eôs - Avènement de l'Éon Evaísthitozoïque probocène flamboyant" stünde wiederum in seiner Basslastigkeit Sunn O))) zur "Monoliths & dimensions"-Zeit mehr als nur gut zu Gesicht, erst recht, wenn diese noch Colin Stetson engagiert hätten. Nach etwa zwei Dritteln des Stückes fließt es in eine Art psychedelischen Rock über. Für die letzten zwei Abschnitte entscheiden sich Neptunian Maximalism dann noch einmal für den ganz großen Schwung und driften in indisch anmutende Trance-Gefilde ab. Das mag wohl der eine, kleine Schritt zu viel sein, denn so ganz lassen sich die hippiesken Melodien von "Heliozoapolis - Les criosphinx sacrés d'Amon-Rê, protecteurs du cogito ergo sum animal" schwer mit den tiefen Bassdrohnes von kurz vorher vereinen. "To the sun" liegt damit bei 7/10.

In der Gesamtheit ist "Éons" maximal anstrengend, im besten Sinne. Musik, die (nicht nur) den Kopf fordert, bis hin zur Erschöpfung. Die Frage ist nur: Kommt man rein, oder überfordert es das eigene Hörverständnis? Schaffen es die Ohren, sich auf den ab der ersten Sekunde einpreschenden Krach einzustellen, sind diese zwei Stunden eine wahre Freude an Eindrücken, Effekten und versteckten Melodien. Etwas, an dem man Wochen und Monate knabbern und regelrechten Spaß beim Ergründen von Sonne, Mond und Erde haben kann.

(Klaus Porst)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Ptah Sokar Osiris - Rituel de l'ouverture de la bouche dans l'Éon Archéen
  • Zâr - Empowering the Phurba / Éon Phanérozoïque
  • Vajrabhairava Part I - The Summoning (Nasatanada zazas!)

Tracklist

  • Part 1
    1. Daiitoku-myoo no odaiko 大威徳明王 鼓童 - l'Impact de Théia durant l'Éon Hadéen
    2. Nganga - Grand guérisseur magique de l'ère Probocène
    3. Lamasthu - Ensemenceuse du reigne fongique primordial & infanticides des singes du Néogène
    4. Ptah Sokar Osiris - Rituel de l'ouverture de la bouche dans l'Éon Archéen
    5. Magická džungl'a – Carboniferous
    6. Enuma eliš - La mondialisation ou la création du monde : Éon Protérozoïque
  • Part 2
    1. Zâr - Empowering the Phurba / Éon Phanérozoïque
    2. Vajrabhairava Part I - The Summoning (Nasatanada zazas!)
    3. Vajrabhairava Part II - The rising
    4. Vajrabhairava Part III - The great wars of quaternary era against ego
    5. Iadanamada! - Homo-sensibilis se prosternant sous la lumière cryptique de proboscidea-sapiens
    6. Ol sonuf vaoresaji! - La sixième extinction de masse : Le génocide Anthropocène
  • Part 3
    1. Eôs - Avènement de l'Éon Evaísthitozoïque probocène flamboyant
    2. Heka hou sia - Les animaux pensent-ils comme on pense qu'ils pensent?
    3. Heliozoapolis - Les criosphinx sacrés d'Amon-Rê, protecteurs du cogito ergo sum animal
    4. Khonsou Sokaris - We are, we were and we will have been
Gesamtspielzeit: 128:21 min

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testplatte

2020-08-01 09:12:09

ich hatte den tipp auch schon aus dem alben-thread gefischt und in der richtigen stimmung gehört, flasht mich das album durchaus.

ganz sicher ist das nix für jeden tag, es ist eher angebracht, sich gezielt auf ein 'date' mit diesem werk zu verabreden und ganz bewusst die reichlich zwei stunden dafür freizuhalten. dann könnte es was werden :)

captain kidd

2020-08-01 08:07:03

Ich finde da leider keinen Zugang. Die Elemente sollten mir eigentlich gefallen, aber irgendwie klappt es nicht.

Klaus

2020-07-31 23:06:57

Du kannst dich da eher bei den Leuten im "welches Album hört ihr gerade" Thread bedanken, ohne die Nennung dort wäre es nämlich untergegangen :)

exy

2020-07-31 23:05:41

Danke an @Klaus für den Tipp. Liest sich wirklich sehr gut, inkl. der Referenzen. Werde ich übers WE reinhören.

Armin

2020-07-31 21:41:48- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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