Creeper - Sex, death & the infinite void

Roadrunner / Warner
VÖ: 31.07.2020
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Rock'n'Roll-Katechismus

Es ist eine Weile her, dass der Rock'n'Roll in beinahe religiöser Weise regelmäßig sein eigenes Heilsversprechen formulierte. Die umfassenden Gesten, die Hymnen, die Konzerte als gemeinschaftlich zelebrierte Messen – zwar wurde das alles ein wenig gegen den Strich gebürstet, aber die Botschaft hatte ihre Ähnlichkeiten. "Just turn on with me and you're not alone / Gimme your hands 'cause you're wonderful", ließ Bowie Ziggy Stardust in ekstatischer Selbstauflösung herausschreien und den Außerirdischen darin einen der Grundpfeiler des Rock'n'Roll-Tempels bauen. Ziggy Stardust war danach Geschichte, Bowie machte freilich weiter und wechselte bloß die Persona. Als Creeper vor knapp zwei Jahren nach einem Konzert völlig überraschend das Ende ihrer jungen Band verkündeten, wurde das rasch als cleveres Zitat enttarnt, als Scherz, der zugleich meint: Hier kennt jemand seinen Katechismus. Auf ihrem Debüt schrieben die Südengländer schließlich so große, so pathostriefende Hooks und Slogans in den Nachthimmel, dass es eine wahre Freude war. Und wie könnte es anders sein: Auch auf dem überaus zurückhaltend betitelten zweiten Album "Sex, death & the infinite void" knüpfen Creeper an ihren eigenwilligen Stilmix aus Glam-Rock, Pop-Punk, Emo und Gothic an, werfen mit eingängigen Refrains und Zitaten aus der Rockgeschichte und allerhand religiösen Motiven nur so um sich und wollen letztlich vor allem eines: die nächste große Pop-Hymne singen.

Natürlich ist "Sex, death & the infinite void" ein Konzeptalbum geworden, das lose von einer Romanze in apokalyptischem Dunkel erzählt, von gebrochenen Herzen, Vampiren als Sinnbild des Nachtlebens, Todessehnsucht und der Abwesenheit Gottes. Wie nach Ostereiern lässt sich in diesem Labyrinth aus klug montierten Klischees nach textlichen Referenzen suchen. Ein kleiner Auszug ergibt The Smiths, The Smashing Pumpkins, aber auch Buzzcocks oder den Kultfilm "Fight club". (Eine Pilzrahmsuppe für den Leser, der alle ausfindig macht!) Und erinnert der Blitz auf dem Cover nicht sowohl an das Kiss-Logo als auch an Aladdin Sanes Make-up? Sei's drum: Musikalisch beginnt das Album mit dem vertrauten und enorm catchy gespielten Emo-Glam des Debüts, der bei "Born cold" in einem gewaltigen Refrain und so abgehangenen Zeilen wie "Do I look so good that you wanna treat me bad?" kulminiert. Die Single "Cyanide" verschiebt den Fokus etwas, Akustikgitarren, Harmoniegesänge und ein prominentes Klavier erweitern das Klangbild, bevor das Gitarrensolo die Explosion im letzten Refrain einleitet. Will Goulds Stimme tönt dabei genauso theatralisch und eindringlich wie auf dem Erstling, zugleich setzt er insbesondere in der zweiten Hälfte immer häufiger einen getragenen Bariton ein, der die Bandbreite angenehm erhöht. Denn spätestens mit dem sinister heranschleichenden "Paradise" versinkt das Album in einem melancholischen Nebel. Die großen Melodien bleiben, sind aber subtiler verpackt, die Instrumentierung wird barocker, das Tempo langsamer. "Four years ago" gerät so zum streicherumwehten Duett zwischen Gould und Keyboarderin Hannah Greenwood, das mit zärtlicher Wehmut über eine verflossene Liebe sinniert.

Es tut dem Album gut, zeitweilig etwas weicher zu zeichnen, denn mit dem fünften oder sechsten Blockbuster-Refrain erschöpft sich die große Geste dann doch und jedes Spektakel wird in der Wiederholung bekanntlich schal. Doch sobald das Feuerwerk zu ermüden droht, variieren Creeper den Rhythmus, dämpfen die Sehnsucht nach dem Rausch und zünden ein paar Kerzen an. Nicht zuletzt die kurzen Interludes, die mal aus Spoken-Word-Beiträgen zwischen Gedicht und Sloganmaschine bestehen, dann wieder Regenrauschen und Donner zur atmosphärischen Untermalung einsetzen, lockern das Gefühl einer Hit-Reihung etwas auf, sodass sich der eine oder andere zu schematisch geratene Song verschmerzen lässt. Und wenn am Ende die grandiose Pianoballade "All my friends" erklingt, dann versteht man, dass die so eingängig und dabei virtuos heraufbeschworene Blütephase des Rocks und der Rebellion eine flüchtige Utopie bleiben muss. "We're thirty now, we should have thought this through", singt Gould und: "Each new day comes with the death of a dream." Aber seine Resignation ist eine ambivalente, schließlich ergreift und vereint sie alle seine Freunde. Und liegt nicht vielleicht ohnehin der größte Triumph darin, auch noch den eigenen Abgesang meisterhaft zu inszenieren?

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Born cold
  • Paradise
  • Four years ago
  • Napalm girls
  • All my friends

Tracklist

  1. Hallelujah!
  2. Be my end
  3. Born cold
  4. Cyanide
  5. Celestial violence
  6. Annabelle
  7. Paradise
  8. Poisoned heart
  9. Thorns of love
  10. Four years ago
  11. Holy war
  12. Napalm girls
  13. The crown of life
  14. Black moon
  15. All my friends (Hidden track)
Gesamtspielzeit: 39:59 min

Im Forum kommentieren

Sick

2020-08-03 03:14:26

Mann, ja das Debüt war auch gut.
Aber du kannst Platten die ich gut finde nicht auch gut finden. Logisch, oder?



:)

captain kidd

2020-08-02 16:48:29

Finde es sogar hervorragend. Wie gesagt, das Debüt war noch besser, weil das einfach herausragende Singles hatte. Das neue Album ist variantenreicher - und auch mit immer mehr Highlights. Eindeutig das Rockalbum des Jahres.

Sick

2020-08-02 01:50:02

Genau, Napalm Girls und Four Years Ago und Annabelle.

Captain, jetzt sag nicht du findest das Album gut. Dann stimmt hier was nicht...

captain kidd

2020-08-01 13:22:20

Napalm Girls

captain kidd

2020-07-31 21:56:17

Debüt war besser weil ungestümer. Aber hier hat's auch wieder geile Euphorie-Momente. Bis jetzt Rockalbum des Jahres...

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