Shirley Collins - Heart's ease

Domino / GoodToGo
VÖ: 24.07.2020
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Der Besuch der alten Dame

Eine Frau in ihren Achtzigern. Einst galt sie als die größte und fähigste Folk-Interpretin ihrer Heimat England. Doch dann der Stimmverlust, die Abkehr von der Bühne, 38 Jahre keine Platte. Und so war es 2016 ein kleines Wunder, als sich Shirley Collins mit dem Album "Lodestar" zurückmeldete. Die Songs waren spröde, no bullshit, Collins' Stimme gereift, verwittert, maximal würdevoll. Sie erlaubte sich dabei charmante Unsicherheiten, doch trugen diese nur zur künstlerischen Wahrhaftigkeit bei, Presse und Publikum reagierten euphorisch und bereiteten Collins auch auf der Bühne ein triumphales Comeback. Nun wartet der neue Longplayer "Heart's ease" auf weitere Wertschätzung. Natürlich besteht die Gefahr, dass der überwältigende Eindruck der Rückkehr verwässert wird, doch umschifft dieses Album jede Unbestimmtheit und jedes lauwarme Mittelmaß. Collins hat so eindeutig ihre Stimme, ihr künstlerisches Selbstbewusstsein wiedergefunden, dass man nur staunen kann.

Den Kern der Platte bilden Traditionals, sowohl aus Großbritannien als auch aus den Staaten. Collins schafft es mit nüchternem, ungeschminktem Vortrag abseits von jedem nostalgischen Kitsch, den narrativen Kern der Stücke freizulegen. Dies mündet in sparsam instrumentierte Geschichten, die oft den Fokus auf einfache, uneitle Menschen legen. Dabei sind die Arrangements phantasievoll, aber zurückhaltend. Auf das Backing einer rustikalen Akustikgitarre kann sich Collins dabei immer verlassen, doch es findet sich noch mehr. So etwa im Abschluss "Crowlink", der in seiner Huldigung an die Region am Ärmelkanal elektronische Versatzstücke und Field Recordings verwendet. Es entsteht dadurch ein außerweltliches Summen, einne übernatürliche Erhebung von Collins' verwaschenem Gesang in eine flüchtige Mystizität. Am anderen Ende des Albums findet sich hingegen, der Kontrast könnte nicht größer sein, mit "The merry golden tree" ein spartanisches Folk-Stück, welches über eine stoische Wiederholung der melodischen Verläufe mit sanftem Druck Eindringlichkeit erzeugt.

Verträumt, wie auf einer nebeligen Waldlichtung, kommt "Sweet greens and blues" daher. Die Gitarre ist lebhaft-verspielt, doch besitzt sie eine Schlankheit im Arrangement, die jedes üppige Sich-Produzieren vermeidet. Dazu passt die dezente Streicher-Untermalung und natürlich auch hier Collins' brüchiger, aber aufrichtiger Gesang. Man hat immer wieder das Gefühl, dass diese Stimme trotz einiger Scharten und Wackler wetterfest ist, dass sich jeder diesem Timbre anvertrauen kann. Dabei wird man mal zusätzlich von einer kargen Mundharmonika, mal von einem gemächlichen Walzertakt umgarnt – das Entscheidende ist aber, dass diese alte Dame die Schönheit der Basics einfacher Liedkunst erneut aufdeckt.

(Martin Makolies)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • The merry golden tree
  • Sweet greens and blues
  • Crowlink

Tracklist

  1. The merry golden tree
  2. Rolling in the dew
  3. The Christmas song
  4. Locked in ice
  5. Wondrous love
  6. Barbara Allen
  7. Canadee-i-o
  8. Sweet greens and blues
  9. Tell me true
  10. Whitsun dance
  11. Orange in bloom
  12. Crowlink
Gesamtspielzeit: 43:16 min

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Armin

2020-07-31 21:40:29- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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