Sports Team - Deep down happy

Island / Universal
VÖ: 05.06.2020
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Joy as an act of joy

Idles, Shame, Life. In den letzten Jahren vitalisierte eine Reihe gesellschaftskritischer Kotzbeutel die britische Gitarrenmusik, die seit der Hochphase von Indie-Discos und NME-Hypes ein wenig ermüdete. Das ging nicht ohne Backlash vonstatten: Bekannt sind etwa die Vorwürfe von Sleaford Mods' Jason Williamson, dass sich privilegierte Mittelschichtler wie Idles-Sänger Joe Talbot nicht als die Schutzpatronen der Arbeiterklasse aufspielen sollen. Ein unnötiger Beef (sollte das Gesagte nicht eine größere Rolle spielen als der Sprecher?), vor allem, da Williamson und Talbot eigentlich auf der gleichen Seite stehen. Doch eröffnet sich an dieser Stelle auch eine Nische, in die ein neues Sextett aus London und Cambridge kopfüber hineinspringt. Sports Team machten mit übergroßen Live-Shows, PR-Stunts und denkwürdigen Interviews bereits so viel Welle, dass ihr Debüt "Deep down happy" in den UK-Charts nur von Lady Gaga geschlagen wurde. Natürlich ziehen auch hier ein paar Student*innen über eine Gesellschaftsschicht her, aus der sie selbst entstammen. Sports Team machen aber keinen Hehl aus ihren Verhältnissen und setzen den Akzent eher auf jugendliche Unbekümmertheit, Show und Humor statt auf Wut und Haltung. Dass Frontmann Alex Rice in Sachen Charisma und Extravaganz das Potenzial zum neuen Jarvis Cocker – oder wenigstens Eddie Argos – hätte, tut sein Übriges.

"Oh, you've been waiting for a while." Die ersten Worte des Albums gehören verdientermaßen Rob Knaggs, immerhin ist er als Hauptsongwriter und Leadgitarrist für den ganzen Zirkus verantwortlich. Der Opener "Lander" beginnt so explosiv, als wäre man schon mitten im Song, ein einziges Gerumpel und Getöse, unter dem eine zitierwürdige Zeile nach der anderen hervortritt: "I want to be a lawyer / Or someone who hunts foxes." Hauptattraktion Rice zieht in "Here it comes again" nach, teilt über dem sechssaitigen Heulen seines Dompteurs gegen spießige 9-to-5-Zombies aus. Der Clou an Sports Team ist, dass ihre Karikaturen der Mittelklasse immer ein wenig so klingen, als würde sich die Band auch über sich selbst lustig machen. Der prätentiöse Musikliebhaber im Stahlwolle-Glam von "Going soft" zeichnet womöglich Knaggs' eigene Zukunft vor, zumindest hat Letzterer einen ganz genauen Plan von seinen Vorbildern. "Deep down happy" vereint eine ganze musikalische Erblinie von Siebziger-Proto-Punk über die frühen Blur bis zum klassischen britischen Nuller-Indie. Das führt mal zu naiven Anachronismen wie dem vergnügten "Born sugar", mal zu ambitionierteren Tracks wie "Stations at the cross", einem Midtempo-Closer mit gelegentlichen Ausbrüchen, der in dreieinhalb Minuten Bowie-Zitat, Religionskritik und suburbane Apathie verkocht.

Die Verbindung von hymnischen Melodien mit messerscharfen Lyrics gelingt größtenteils auf sehr hohem Niveau. Der Über-Hit "Camel crew" ätzt formidabel gegen die Heuchler der Musikindustrie: "This avant-garde is still the same / Go to Goldsmiths and they dye their fringes / Just to know they've made it only / When they sign the rights to Sony." Das charmant arrogante "The races" nimmt mit "la la la"s Nationalismus ins Visier, während "Kutcher" im Mantra "I just wanted to be your mid-noughties MTV star" kulminiert. In "Fishing" geht es entweder um Angeln in der Themse oder Beziehungsprobleme, das vermag man ob der Moshpit-Qualität des Tracks nicht so recht zu beurteilen – immerhin fällt einem hier zum ersten Mal auf, dass der Sechser auch einen Keyboarder in seinen Reihen hat. Das allergrößte Highlight bildet "Here's the thing": eine unheimlich mitreißende Ballstafette zwischen Rice und Knaggs, die erst mit der Zunge eines konservativen Arschlochs spricht, um sein Geseier dann als "lies, lies, lies" abzuwatschen.

Das ganz große Meisterwerk ist "Deep down happy" nicht geworden, dafür wirken ein "Feels like fun" zu unfertig oder Knaggs' Performance im langsameren "Long hot summer" zu kraftlos. Vielleicht wird es für Sports Team dennoch reichen, ein klaffendes Loch in der Indie-Welt zu schließen, nachdem die alten Helden verschwunden oder wie Arctic Monkeys in ihre eigenen Sphären abgedriftet sind. Vielleicht werden sie zwischen sozialbewusstem Post-Punk und unverblümtem Festival-Hedonismus zu einer neuen Referenz heranwachsen. Vielleicht wird sich in zwei Jahren auch kein Schwein mehr an sie erinnern. Wer weiß? Und wen juckt's in der Euphorie des Moments?

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Camel crew
  • Here's the thing
  • The races
  • Fishing

Tracklist

  1. Lander
  2. Here it comes again
  3. Going soft
  4. Camel crew
  5. Long hot summer
  6. Feels like fun
  7. Here's the thing
  8. The races
  9. Born sugar
  10. Fishing
  11. Kutcher
  12. Stations at the cross
Gesamtspielzeit: 36:40 min

Im Forum kommentieren

Skinner

2020-07-06 17:53:29

Seit Tagen in Dauerrotation.

Hoffentlich nicht in allzu ferner Zukunft dann auch live!

MM13

2020-06-24 14:07:02

rezi geht in ordnung,ich geb einen halben punkt mehr(7,5/10)
und wie in der rezi steht,ich weiss nicht ob in 10 jahren irgendjemand noch das alles kennt oder hört,im moment gefällt mir diese art von postpunk einfach richtig gut!

Armin

2020-06-24 12:10:36- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

MM13

2020-06-12 18:34:13

für alle die idles,the shame etc. mögen

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