Horse Lords - The common task

Northern Spy / H'Art
VÖ: 13.03.2020
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Algorhythmen

Armer Math-Rock. Den einen rollen sich bei Begriffen wie Synkopen oder mikrotonaler Musik die Zehennägel hoch, den anderen sind die allermeisten Kompositionen nicht komplex, fordernd oder innovativ genug. Bands wie Horse Lords haben es regelmäßig schwer: zu vertrackt für den Freund einfacher Pop-Schemata, zu einfältig für den akustischen Akademiker. Dabei zeigt gerade ihr zwischen Anspruch und Eingängigkeit balancierender Stil, was für ein brückenschlagendes Potenzial in diesem verdammten Genre schlummert. Das aus Baltimore stammende Quartett – bestehend aus einem klassischen Rockband-Lineup mit Saxofon statt Gesang – verbindet die Präzision minimalistischer Magier wie Terry Riley oder Philip Glass mit der fiebrigen Intensität von Krautrock-Legenden à la Can und Neu!. Obwohl sich in ihrem Zusammenspiel kaum Struktur oder Melodien feststellen lassen, könnten diese unheimlich rhythmischen Konstrukte von reiner "Kopfmusik" kaum weiter entfernt sein. Man kann versuchen, den subtilen Verschiebungen auf ihrem vierten Album "The common task" konzentriert zu folgen, oder sich ganz der repetitiven Tanz-Ekstase hingeben. In ihren besten Momenten betreiben Horse Lords keine Mathematik, sondern Schamanismus.

Mit "Fanfare for effective freedom" beschwören sie auch gleich den ersten Geist, den man eine Weile nicht mehr loswird. Gitarrist Owen Gardner beginnt mit dissonanten Akkorden, die er mit dem Rest der Band zu einem luftdicht verschlossenen, polyrhythmischen Stakkato-Groove kombiniert. Der feste Griff lässt kein bisschen locker, während Horse Lords aus dem Korsett drängelnde Akzente setzen: ein paar verspieltere Gitarrenmotive, orientalisch anmutende Synthies, die tolle Percussion Sam Habermans. Der Song treibt nicht auf der Stelle, sondern entwickelt sich, ohne dass sich die Richtung dieses Voranschreitens nachvollziehen oder sein Ziel vorausahnen ließe. In "Against gravity" rückt die andere Hälfte des Vierers in den Vordergrund. Andrew Bernsteins Saxofon dröhnt seine Kollegen erst gegen die Wand, neckt sich dann mit ihnen und droht dem eng verflochtenen Kollektiv immer wieder zu entgleiten – der großartig schlängelnde Bass von Max Eilbacher kann ihn gerade so am Boden halten. Mit "The radiant city" folgt der plötzliche Bruch, der unbeirrt scheinende Rhythmus weicht einer Dudelsack-dominierten Drone-Suppe. Ist es die verquere Definition eines Ruhepols oder ein Zugeständnis an all diejenigen, für die zappelnde Beinchen ein untrügliches Zeichen der Banalität von Musik darstellen?

Viel Zeit zum Überlegen bleibt nicht, denn Horse Lords schieben mit "People's Park" ihr zugänglichstes Stück überhaupt hinterher. Habermans Rhythmen gehen auf Weltreise zwischen Afrika und Karibik, während um sie herum bunte Elektronik blüht. Spätestens, wenn Gardner seine Gitarre wie eine Hummel schwirren lässt, sind Vampire Weekend und Konsorten nicht mehr allzu weit. Doch mit dem frivolen Sommer-Vibe ist schnell wieder Schluss, der Song bricht am Ende in seine perkussiven Einzelteile zusammen. Plötzlich wähnt man sich in einer Kunsthalle, man hört ein murmelndes und hustendes Publikum, ehe eine Opernsängerin samt einsamer Geige die Bühne erhält. Der leichte Pop weicht größtmöglicher Ambition, die Band zieht mit "Integral accident" ein imposantes, fast 19-minütiges Finale hoch. Doch es lohnt sich: Nach dem etwas gewöhnungsbedürftigen Intro erreicht ihr Zusammenspiel eine neue Stufe der Intensität, wundervoll ergänzt von Streichinstrument und Frauengesang – Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, oder wie auch immer die sich gerade nennen, lassen grüßen. Dass auf dem Papier kompliziert klingende Musik ganz unverkopft in den eigenen Körper strömen kann, wusste der in Wahrheit überhaupt nicht bemitleidenswerte Math-Rock schon immer. Horse Lords leisten nicht mehr und nicht weniger als hervorragende Erinnerungsarbeit.

(Marvin Tyczkowski)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Fanfare for effective freedom
  • Integral accident

Tracklist

  1. Fanfare for effective freedom
  2. Against gravity
  3. The radiant city
  4. People's Park
  5. Integral accident
Gesamtspielzeit: 41:13 min

Im Forum kommentieren

Deaf

2020-04-15 09:15:16

Gute Band, habe die vor 2 Jahren mal live gesehen an einem Festival. "Fanfare for effective freedom" gefällt mir am besten.

Armin

2020-04-08 20:50:24- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Threads im Forum