Acht Eimer Hühnerherzen - Album

Destiny / Broken Silence
VÖ: 27.03.2020
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
4/10

Hut weg

Apocalypse Vega, Bene Diktator und Herr Bottrop sind Acht Eimer Hühnerherzen. Ein Satz, dem man trotz absolut seriösem Informations-Gehalt weiterhin ein Schmunzeln schenken darf. Was mit dem herzlich-frechen Debüt der Berliner in fluffig-rumpeligem Ambiente so wunderbar DIY-mäßig aufging, schrie förmlich nach Fortsetzung. Dass nach dem selbstbetitelten Erstling der zweite Streich nun schlicht "Album" heißt, passt natürlich voll ins Bild. Und das Trio legt vor: Der Opener "Somnambulismus" ist ein astreiner Hit mit Ohrwurm-Hook und spitzer Vega-Zunge, der gewiss vielmehr zur Verweigerung des Höher, Schneller, Weiter in gewöhnlicheren Zeiten denn im März 2020 geschrieben wurde. Doch gerade leicht nihilistische Verse wie "Keine Ahnung / Wenn man nicht weiß, was man macht / Und wann man aufwacht" werden nun die Erinnerung an stundenlangen coronösen Alltagsschlaf und an eine seltsame, wie in Slow Motion wirkende Zeit lebendig halten. Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.

Da nützt auch kein scharmützelig und schlicht nachgeschobenes "Hallo" mehr – Acht Eimer Hühnerherzen haben trotz aller Hibbeligkeit und verkapptem musikalischen Frohsinn zu wichtige Themen im Rucksack, als dass man beim oberflächlichen Mitwippen bleiben müsste. Schildert das für diese Band fast epische "Quittenbrause" die vielen im Grunde schon gescheiterten "Schatz"-Beziehungen noch aus einer analytischen Entfernung, bringt "Immer schlimmer" jene heutzutage gelebte und bequeme Unverbindlichkeit im Zwischenmenschlichen auf den Punkt: "Schon wieder rufst Du mich nicht an / Und wenn doch, geh' ich nicht ran." Wandergitarre, Akustik-Bass, Mini-Drumkit und Fuzz-Pedal bleiben auch auf "Album" neben Vegas schriller Stimme die markantesten Utensilien, mithilfe derer sich das Berliner Trio zum Teil ekstatisch verausgabt. Hin und wieder jedoch erzeugen Acht Eimer Hühnerherzen eine prägnante Schwere – dafür greifen sie dann wie in "Quittenbrause" und dem rumpeligen Post-Punk-Verschnitt "Zahlen" auch mal zur elektrischen Klampfe.

"Wüstenplanet" tritt mit etwas Schwermut zum richtigen Zeitpunkt auf die Euphorie-Bremse, bevor "Kozmic Schlüsseldienst" in seiner zynischen Blüte dann stellvertretend für die sozialkritische Stimme des Trios steht. In nur 98 Sekunden rasiert das Stück wunderbar den hippen Bart des irrlichternden Indiviuums als leidlich funktionierendes Element der neoliberalistischen Gesellschaft: "Schlafen, Trinken, Schwitzen, Kopulieren / Die Jacke mit dem Schlüssel drin verlieren / Laufen, Kaufen, Pauken, Konsumieren / Und dann Irren durchs Lifestyle-Pentagram." Wer sich bis hierher bereits gut unterhalten fühlt, dem fliegt in der Folge der Hut weg, bevor er ihn ziehen kann. Denn mit "Polenböller", "Endlich fluchen", "Kein Lied für Dich" und "Zement" treibt das unverwüstliche wie liebenswürdige "ADHXL" der Frau Vega ihre männliche Instrumental-Flanke durch die großartige zweite Hälfte dieses höchst unterhaltsamen "Albums". Berliner-Schnauze-Akustik-Punk in zweieinhalb (bis drei) Akkorden – es musste einem nicht bange sein, dass diese Mixtur auch ein zweites Mal voll aufgeht. Ein Satz, über den man sich in unsicheren Zeiten beinahe wundern darf.

(Eric Meyer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Somnambulismus
  • Kozmic Schlüsseldienst
  • Polenböller
  • Endlich fluchen

Tracklist

  1. Somnambulismus
  2. Hallo
  3. Immer schlimmer
  4. Quittenbrause
  5. Gesellschaftstanz
  6. Interlude (nach unten)
  7. Kozmic Schlüsseldienst
  8. Polenböller
  9. Endlich fluchen
  10. Kein Lied für Dich
  11. Zement
  12. Reprise
Gesamtspielzeit: 31:52 min

Im Forum kommentieren

DennisB

2020-04-11 15:21:49

Erinnert unangenehm an Wir sind Helden. Das erste Album war noch ok.

MM13

2020-04-10 18:47:00

der bescheuerte name hat mich immer abgeschreckt,und nachdem ich mal reingehört habe die musik auch,geht bei mir leider gar nicht.

HassoChanel

2020-04-09 15:39:21

Sehe grad der Johnny Bottrop von TG ist dabei. Mochte sein anderes Nebenprojekt "Die Bottrops" gern.

Die beiden Songs hier finde ich bestenfalls nett.

eric

2020-04-09 13:50:26

Ich find's stärker. Gerade die zweiten Hälfte / B-Seite auf Vinyl.

S.v.K.

2020-04-09 13:30:10

Find's deutlich schwächer als das erste Album.

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