Half Waif - The caretaker

Anti / Indigo
VÖ: 27.03.2020
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Für sich selbst

Nandi Rose hat als Half Waif die Einsamkeit gesucht und gefunden. War der Vorgänger "Lavender" noch ein Band-Baby, steht ihr Zweitwerk "The caretaker" im Licht einer starken Einzelleistung. Piano, Analog-Synthies, Violine – wenig mehr als diese Klangerzeuger erfüllen den abgedunkelten Raum dieses Albums, aber auch inhaltlich stehen die Zeichen auf innerliche Reflektion: "I've got places in my mind that I'll never find / If you're holding my hand like you always do." Und so hat man bei dieser Platte auch das Gefühl, man könne sie letzten Endes nur voll verstehen, wenn man in Roses Kopf zu Hause wäre. Manches gibt sich verspielt meditativ, anderes emanzipiert sich zur brüchigen Hymne, aber immer bleibt da etwas jenseits klarer Entschlüsselung.

Dabei geht die Einsamkeit dieser Platte sogar so weit, dass selbst ein Chor lediglich aus Roses vervielfältigter Stimme besteht, jedes Instrument hingegen ist klar und singulär im Mix hörbar – mal verletzlich hell aufleuchtend, mal in dunkle Tiefen hinabtauchend. "Clouds rest" zum Auftakt ist ein Mantra der Entschleunigung, "Going nowhere fast now", wagt stellenweise Aufruhr: Handclaps, ein dumpfer Bass, manches spricht für den Beginn eines veritablen Dance-Hits, doch dieser wird behutsam abgeblasen. "Siren" besitzt dann einiges von der angesprochenen Hymnik, die auch in Roses inneren Reflektionen mitunter etwas Majestätisches aufscheinen lässt.

Der intuitive Verlauf von "Ordinary talk" hingegen ist ganz bei sich, tröpfelt und schwelgt bescheiden und innerlich voran, nur zum Refrain erwächst aus Roses Gesang melodieselige Zutraulichkeit. Doch immer bleibt das Gefühl, dass die Amerikanerin für und bei sich selbst bleibt. Die elektronisch dominierten Kompositionen brausen zwar manchmal auf, dies geschieht jedoch immer innerhalb der Grenzen des eigenen Bewusstseins. Der abgedämpfte Gesang von "My best self" wabert wie zäher Nebel durch eine Komposition, die Bruchstücke aus Klavier und Streichern durch ein abwartendes Beat-Gebilde schleust und dann doch noch zu melodischer Klarheit findet.

Es ist immer wieder dieses Abwägen zwischen eindeutigen Melodien und verspielter Soundästhetik, die "The cartetaker" spannend macht. "Halogen 2" bewirbt sich als coole Pop-Nummer, wird aber wegen seiner Fähigkeiten als halb bewusster Groover mit kleinen Ausbrüchen angestellt. Auch "Blinking light" weiß über seinen Status als Piano-Ballade hinaus mit spannenden Synth-Signalen und gefühlvoll gespielter E-Gitarre zu begeistern. Wenn jedoch das zerrüttete Unterwasserklavier im abschließenden "Window place" in mildere Gefilde melodischer Zartheit übergeht, weiß man erst die Ambivalenz im Oberstübchen der Nandi Rose so richtig zu schätzen. Ein weich fließendes Balladen-Pop-Album, welches sich so manche Schrägheit nicht ausreden lässt – einzigartig in seiner aus der Einsamkeit geborenen Eigenwilligkeit.

(Martin Makolies)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Siren
  • Ordinary talk
  • Window place

Tracklist

  1. Clouds rest
  2. Siren
  3. Ordinary talk
  4. My best self
  5. In August
  6. Lapsing
  7. Halogen 2
  8. Blinking light
  9. Brace
  10. Genration
  11. Window place
Gesamtspielzeit: 34:06 min

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Armin

2020-03-25 21:03:49- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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