FACS - Void moments

Trouble In Mind / Cargo
VÖ: 27.03.2020
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Für das Vergessen

Versehentlich im Studio-Papierkorb gelandet? Hinter den Heizkörper gerutscht? Aus welchem Grund auch immer – FACS hatten auf "Lifelike" offenbar das Titelstück vergessen. Eine Schludrigkeit, die man dem Trio um Brian Case gar nicht zugetraut hätte: Zu streng schraubten die Chicagoer schon unter dem Namen Disappears bis 2016 präzisen Post-Punk und maschinell verdubbten Noise-Rock zusammen, als dass sie irgendetwas dem Zufall überlassen würden. Andererseits hätte es eine charmant subversive Note, sollten FACS ihre präzise pumpende, stets kurz vor dem Abschmieren stehende Musik absichtlich mit derlei Unperfektheiten aufbohren. Aber vielleicht darf man so etwas einfach nicht zu eng sehen, auch wenn Case auf Disappears' "Irreal" noch "I want you to remember" mahnte: Wird "Lifelike" gegen Ende von "Void moments" nachgereicht und quetscht sich zäh und massiv durch einen rostigen Röhrenverstärker, ist längst klar, dass auch dieses Album als vorzügliches im Gedächtnis bleiben wird.

Nicht zuletzt, weil FACS ihren dritten Longplayer mit einem so deutlichen Rocksong eröffnen, wie Case ihn seit "Replicate" aus "Pre language" und "Double vision" von seiner früheren Band The Ponys nicht mehr hinbekommen hat. Im Grunde besteht "Boy" zwar aus nicht viel mehr als einem sich windenden Riff, das eher an einen Loop erinnert und mittendrin von Noah Legers synkopiertem Schlagzeug niedergeknüppelt wird – aber mehr Eingängigkeit kann man bei einer Gruppe mit Lieblingsthemen wie Roboter-Ethik oder Blockuniversum vermutlich nicht erwarten. Und trotzdem kickt und zuckt dieser Auftakt prächtig. Auch "Teenage hive" hat jede Menge Hummeln im Hintern und Alianna Kalabas rumorende Bassfigur als Trumpfkarte in der Hinterhand, bis der ausweglose Groove in eine Art mehrdimensionale Tiefenwahrnehmung umschlägt und die Gitarren-Reverbs sich schabend gegen die Wand drücken. Die Stimme ist hier nur mehr ein körperlich spürbares Grollen, das minimalste Einheiten von Sinn verabreicht. Frisch dekonstruiert. Meinungen?

Ein Track wie "Version" illustriert schon im Titel seine Reduktion aufs Wesentliche: mit flirrenden Texturen, perkussiven Rüttelkommandos und genug Platz, in dem es sich der Hörer zwischen den klanggewordenen Abraumhalden unbequem machen kann. Eine bohrende Konsequenz, die FACS mit den geistesverwandten My Disco eint – wiewohl "Void moments" sich nicht annähernd so weit in die leergefegtesten Randbereiche der Rockmusik wagt wie deren monolithische Meditation "Environment". Doch vielleicht befindet sich das wuchtige "Void walker" bereits auf dem Weg dorthin und macht gerade Zwischenstation in der Mister-Minit-Filiale mit der ganz groben Shoegaze-Schleifhexe – das würde immerhin das Kreischen im Hintergrund erklären. Mit "Dub over" sind FACS schließlich am Pol des Nichts angekommen: Die Luft ist gesättigt von industriellem Saitengeprassel und ausdruckslosen Vocal-Mantras, im Kopf pocht die bange Frage: Irgendetwas vergessen? Einen Song vielleicht? Wenn wir uns doch bloß erinnern könnten.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Boy
  • Void walker

Tracklist

  1. Boy
  2. Teenage hive
  3. Casual indifference
  4. Version
  5. Void walker
  6. Lifelike
  7. Dub over
Gesamtspielzeit: 30:35 min

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Armin

2020-03-25 21:03:19- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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