Balbina - Punkt.

Polkadot / BMG / Warner
VÖ: 10.01.2020
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Wage das Wagnis

Wagnisse eingehen und sich dabei doch einen ästhetischen musikalischen Rahmen erhalten kann eine Herausforderung sein. Und doch wird das scheinbar Unkonventionelle immer beliebter, wie spätestens die rasend schnell wachsende Aufmerksamkeit für Billie Eilish seit ihrem Debütalbum beweisen dürfte. Aber auch Künstlerinnen wie Björk schaffen es seit geraumer Zeit, immer wieder zu überraschen und ihre Hörerschaft dabei nicht zu enttäuschen oder gar zu verschrecken. Die Deutsch-Polin Balbina wurde in der Vergangenheit immer wieder mit der isländischen Sängerin verglichen. Tatsächlich erinnert ihre ungewöhnliche Stimmakrobatik an die Oscar-Preisträgerin. Und auch die musikalische Vielfalt, die Balbina an den Tag legt, könnte Björk gefallen.

Auf ihrem dritten Album "Punkt." geht Balbina weiterhin genau solche musikalischen Wagnisse ein. Auch inhaltlich zeigt sie mehr Offenheit und verwebt seelische Entblößungen in ihre Lyrics, die sie auf den Vorgängern "Über das Grübeln" und "Fragen über Fragen" noch eher in distanzierte und sehr abstrakte Metaphern verpackte. Der Opener "Hinter der Welt." startet mit diesen Risiken noch zurückhaltend: Zum ersten Mal mischt Balbina deutsche und englische Lyrics und kontrastiert ihre sanfte Stimme mit düsteren Bässen. Am eindrucksvollsten bleibt aber ihre Interpretation von Rammsteins "Sonne.": Der rund fünf Minuten lange Song ist wie gemacht für die Sängerin und fühlt sich bei starken Brüchen in Instrumentierung und Stimme kaum wie ein Cover an. In "Zwischenspiel Eins." wirkt es fast, als würden Vocals und Schlagzeug zu einer Session ausarten: Mal gehen die hohen Stimm-Töne in eine Flöte über, mal funktionieren Instrument und Balbinas Gesang völlig unabhängig voneinander.

Ihr musikalischer Mut könnte Balbina aber auch zum Verhängnis werden. Zwischen vielschichtigen und aufwändig produzierten Atmosphären dringen die Melodien nicht immer präsent genug durch – oder zumindest nicht präsent genug für gängige Pop-Songs. In "Kein Ende." etwa wirkt der sich immer wiederholende Refrain eher bedrückend als mitreißend. Nur "Machen.", bei dem Herbert Grönemeyer gastiert, erreicht auf "Punkt." wirklich den Status eines klassischen Ohrwurms. Es ist nicht die erste Zusammenarbeit der beiden Ausnahmekünstler: 2015 war sie bereits mit dem Songwriter auf Tour und kam zu "Mensch" regelmäßig auf die Bühne. "Machen ist für mich die beste Medizin", singen Grönemeyer und Balbina gemeinsam und lassen auch hier wieder viel Spielraum für Interpretationen. Gerade inhaltlich weiß Balbina also zu begeistern und zu fesseln. Darüber, dass sich "Punkt." musikalisch gelegentlich vom Pop entfernt, darf man bei all der Metaphern-Rätselei auch mal getrost hinwegsehen.

(Lena Zschirpe)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Sonne.
  • Machen. (feat. Herbert Grönemeyer)

Tracklist

  1. Hinter der Welt.
  2. Weit weg.
  3. Wanderlust.
  4. Blue note.
  5. Augenblick.
  6. Langeweile.
  7. Zwischenspiel eins.
  8. Sonne.
  9. Punkt.
  10. Zwischenspiel zwei.
  11. Zwischenspiel drei.
  12. Machen. (feat. Herbert Grönemeyer)
  13. Kein Ende.
  14. Zwischenspiel vier.
Gesamtspielzeit: 33:37 min

Im Forum kommentieren

kreso10

2020-08-11 12:28:31

Gerade lief auf RadioEins das Rammstein Cover von "Sonne". Ich hatte schon wieder verdrängt, wie ungelungen und gruselig ich das schon beim ersten Mal hören fand. Ich saß damals im Auto und hatte den großen Drang schnell rechts ran zu fahren vor Schreck. Vor Schreckstarre hab ich aber nicht mal das Radio ausschalten können.
Keine Ahnung woran das liegt, aber ich kann dieser Künstlerin schon immer nur mit jener Schreckstarre begegnen und musste das aus gesundheitlichen Gründen jetzt hier mal ins Netz husten. Sorry dafür.

Autotomate

2020-01-22 10:55:50

Die Rezension vermittelt etwas den Eindruck, es wäre negativ zu werten, wenn sich die Musik von gängigen Pop-Schemata entfernt. Inwiefern das ein hinreichendes Kriterium sein könnte, leuchtet mir nicht ein. Dass die Frau hier 6/10 Punkte bekommt, scheint Standard zu sein - was ja zumindest auf eine gewisse Kontinuität hindeutet. Die Bezeichnung als "Ausnahmekünstlerin" müsste aber noch verifiziert werden.

Ich sammle momentan noch etwas Mut dafür, hier tatsächlich mal reinzuhören. Im Eingangsposting des Threads zum Album "Über das Grübeln" habe ich die faszinierende, gänsehauterzeugende Gruseligkeit, die von dieser Musik auf mich ausgeht, schon beschrieben. Ein wenig neugierig, was daraus geworden ist, bin ich schon...

Armin

2020-01-19 20:36:52- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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