Vetiver - Up on high

Loose / Rough Trade
VÖ: 01.11.2019
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Lächelnde Melancholie

Nein, der typische Holzhüttenbewohner oder Wald- und Wiesen-Burschi, wie man ihn bei Folk und Americana erwarten würde, ist Andy Cabic wirklich nicht. Wenn er nicht mit Freunden auf dem Wohnzimmerboden sitzend musiziert, seine Akustikgitarre auf dem Schoß, kann es gut sein, dass man ihm als House-DJ in einem Szene-Club begegnet, oder über von ihm kuratierte Japan-Pop-Compilations stolpert. Cabic lässt sich nicht festpinnen auf Holzfällerhemd und Selbstgedrehte, ist aber so clever, seine verschiedenen künstlerischen Bestrebungen voneinander zu trennen. Soll heißen: Sein neues Album als Vetiver ist Folk-Rock in reiner Form, keine elektrischen Spielereien, sondern zehn Songs, die das Rurale und Rustikale dieser Musik ganz unaufgeregt in sich tragen. Und so besitzt "Up on high" einen Fluss und Herzschlag, wie man ihn in den Werken der Eels oder auch von Maritime schätzen gelernt hat. Alles entrollt sich gemächlich, mit Träne im Augenwinkel mitunter, doch die um sich greifende Behutsamkeit tröstet und verarztet das wunde Herz.

Der Kalifornier Cabic, seit seinem letzten Album zweimal umgezogen, hatte für "Up on high" nicht den Luxus, endlose Studio-Wochen mit seinen neuen Songs zubringen zu können. Und auch beim Schreiben der Songs zwischen Umzugskartons kam ihm die pragmatische Handlichkeit der Akustik-Gitarre gelegen. Und so sind seine neuen Stücke spartanisch instrumentiert, es gesellt sich meistens noch ein locker aufgehängter Groove des Schlagzeugs hinzu, doch bleibt ein großer Gewinn dieser leichten Arrangements, dass immer ein luftiger Hauch durch diese beweglichen Stücke fährt. Und so mag in einem Stück wie "The living end" viel Trauer und Verzagen mitschwingen, durch den lockeren Beat, die mild hingleitenden Gitarren und den elegant angerauhten Gesang Cabics findet sich immer ein wenig Sonnenlicht und frischer Sauerstoff in den Kompositionen.

Und dann muss man unbedingt über die unspektakuläre Rafinesse seiner Melodien sprechen. Wenn Cabic in "Who knows where" ein bekräftigendes "To prove I care" sanft auf die melodische Reise schickt, weich von Gitarren-Klängen begleitet, entsteht dadurch eine Wärme, die ganz ohne große Geste das Herz einen kleinen Satz machen lässt. Auch "All we could want" arbeitet mit so einer behutsam ausgearbeiteten, melodischen Verschiebung, die einen mit einfachen Mitteln völlig entwaffnet. Der fast schon funky daherkommende Rhythmus von "Hold tight" dagegen frohlockt ob der Lässigkeit, der Entspannung und der gutmütigen Beweglichkeit dieses Stückes. Und auch "Wanted never asked" entrollt sich bescheiden aber entschlossen, "What's past is past" heißt es hoffnungsfroh und die untergründige Nostalgie lässt sich von den hellen Klängen an die Hand nehmen.

Wehmut und auch melancholische Wesenszüge wohnen diesem Album tief eingeprägt inne, doch das melodische Spiel, welches scheinbar immer eine Hinwendung zum Hellen und Warmen erreicht, macht aus dieser Platte ein gelungenes Beispiel für unaufgeregten Optimismus. Das Pendeln und Schlenkern von "A door shuts quick" lässt Platz für manchen Seufzer, für so manch "Was wäre, wenn...?", doch auch hier regiert eine gewisse Kontinuität, ein Bewusstsein für neue Chancen und den nächsten Tag. Dass dann auch der Titelsong eine wunderbare Mischung aus zuversichtlichem Dahinschreiten und in sich gekehrter Melancholie darstellt, verdeutlicht nur, dass Cabic ein fragiles Gleichgewicht geschaffen hat, welches mit einfachen Mitteln die komplexe Gleichzeitigkeit des menschlichen Innenlebens treffend abbildet.

(Martin Makolies)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • To who knows where
  • All we could want
  • Up on high

Tracklist

  1. The living end
  2. To who knows where
  3. Swaying
  4. All we could want
  5. Hold tight
  6. Wanted never asked
  7. A door shuts quick
  8. Filigree
  9. Up on high
  10. Lost (In your eyes)
Gesamtspielzeit: 41:32 min

Im Forum kommentieren

Gordon Fraser

2019-11-22 22:36:08

Was fürs Herz an einem verregneten Novembertag. Schöne Entdeckung.

Armin

2019-11-21 21:42:48- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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