Rapsody - Eve

Jamla / Roc Nation
VÖ: 23.08.2019
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
4/10

Legacy! Legacy!

Am Anfang waren Eva und die Frucht. "Eve" beginnt mit einem Sample von Nina Simones "Strange fruit", das wie schon in Kanye Wests "Blood on the leaves" seine Prädestination als atmosphärisch-unheimlicher Stimmungsfänger für 50 Jahre später erscheinende Rap-Tracks beweist. Doch der Song erfüllt hier noch einen ganz anderen Zweck, denn nicht umsonst trägt "Nina" seine Geistesmutter schon im Titel. Widmete Rapsody den Vorgänger "Laila's wisdom" noch ihrer Oma, würdigt sie nun 16 schwarze Frauen der Kulturgeschichte – ob real oder fiktional, tot oder lebend, Athletin, Künstlerin oder Aktivistin. Eines macht aber schon jener sich bis zum Zusammenbruch steigernde Opener klar: "Eve" ist keine Zeitgeist-bequeme Empowerment-Predigt, sondern ein musikalisch wie inhaltlich komplexes Werk, in dem die US-Rapperin das Vermächtnis ihrer Heldinnen als Inspiration für die Auseinandersetzung mit sich und der Welt um sie herum nutzt.

Über die Stimmen der anderen findet Rapsody ihre eigene. Nicht, dass diese vorher überhaupt nicht zu vernehmen war: Immerhin ist die einstige Feature-Partnerin von Kendrick Lamar bei Jay-Zs Label Roc Nation gesigned und wurde schon für einen Grammy nominiert. Doch erst auf "Eve" entwickelt sie eine eigene künstlerische Identität, die ohne übersexualisiertes oder sonstig verstelltes Image auskommt. Weil Aaliyah diesem Stolz eins der größten Vorbilder war, erhält die verstorbene Sängerin ihren Tribut im selbstbewusstesten Track: "I don't care what you got to say about me no more […] I'm here to shake the system up, we gon' rock the boat", heißt es in diesem kantigen R'n'B-Trip, in dem Aaliyah selbst den Engelschor anzustimmen scheint. Solche Zitat-Spielereien finden sich öfter, etwa auch in "Cleo": Wer hätte gedacht, dass Phil Collins' "In the air tonight" das perfekte Fundament für einen dringlichen Banger über Sexismus im Rap-Game bilden kann? "Whoopi" dreht indes völlig frei, erwähnt Angela Bassett und Kanye West, samplet Herbie Hancock und löst jegliche, sowieso kaum vorhandenen Fesseln an Rapsodys Flow komplett in Luft auf.

So spannt die 36-Jährige ein dichtes Netz aus Referenzen – textliche wie musikalische Verweise, Namedroppings, Wortwitze –, über das sie stets Herrin bleibt und das sie so zugänglich wie songdienlich aufbereitet. Die von 9th Wonder gelenkte Produktion entspricht Rapsodys Verbindung von Nostalgie mit Eigenständigkeit und setzt trotz klarer Oldschool-Anlehnung nie Staub an. Mancher aktuelle Rapper könnte sich davon eine Scheibe abschneiden – mit einem Feature der großartigen Leikeli47 übt sich "Oprah" etwa in dem sperrigen Anti-Funk, der Anderson Paak auf "Oxnard" nicht wirklich gelang. Auch die Vielfalt von Stimmungen und Stilen beeindruckt: Mit düsteren Synths erzählt "Serena" von steinigen Karrierewegen, "Tyra" strahlt anschließend im Laufsteg-Glanz seiner Titelheldin, nur um sich im luftigen Flöten-Soul von "Maya" aufzulösen – Erykah-Badu-Sample inklusive. Das allergrößte Highlight markiert "Ibtihaj", das GZAs "Liquid swords" als auf D'Angelos "Black Messiah" passende Groove-Nummer umdenkt und sich wie selbstverständlich beide Legenden als Support ins Boot holt.

Stichwort Legende: In "Hatshepsut", benannt nach einer ägyptischen Pharaonin, darf Queen Latifah demonstrieren, warum sie in der kontemporären Szene schmerzlich vermisst wird. Rapsody fühlt sich hier genauso wohl wie neben J. Cole, mit dem sie in "Sojourner" der Glorifizierung von Materialismus eine Absage erteilt. Man darf den gesellschaftspolitischen Ernst nicht unterschlagen – Poetin Reyna Biddy trägt als Interlude eine "ode to the black woman's body" vor, "Myrlie" thematisiert rassistische Gewalt –, aber die bloße musikalische Klasse von "Eve" sollte schon jedem Genre-Fan unheimlich viel Spaß bereiten. Dementsprechend führt "Michelle" auf eine falsche Fährte, wenn der Track trotz Bezug auf die ehemalige First Lady mit einem ganz und gar unpolitischen Piano-Riff Sorglosigkeit und sisterhood feiert. Der soulige Closer "Afeni" führt schließlich Mama Shakur mit einem Sample ihres Sohnemanns Tupac zusammen. Obwohl dieser in nicht allen seinen Songs das beste Frauenbild zeichnete, erfährt auch er hier eine Würdigung – weil Rapsody seine Ehrlichkeit und sein Bemühen schätzt und ihm wie jedem Menschen Unvollkommenheit zugesteht. Ein letztes, mächtiges Mal bewegt sie sich in ihrer eigenen grey area, die der von Little Simz bei der Frage nach dem besten Rap-Album 2019 ohne weiteres die Stirn bieten kann.

(Marvin Tyczkowski)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Cleo
  • Aaliyah
  • Ibtihaj (feat. GZA & D'Angelo)
  • Sojourner (feat. J. Cole)
  • Afeni (feat. PJ Morton)

Tracklist

  1. Nina
  2. Cleo
  3. Aaliyah
  4. Oprah (feat. Leikeli47)
  5. Whoopi
  6. Serena
  7. Tyra
  8. Maya (feat. K. Roosevelt)
  9. Ibtihaj (feat. GZA & D'Angelo)
  10. Myrlie (feat. Mereba)
  11. Reyna's interlude
  12. Michelle (feat. Elle Varner)
  13. Iman (feat. Sir & JIDA)
  14. Hatshepsut (feat. Queen Latifah)
  15. Sojourner (feat. J. Cole)
  16. Afeni (feat. PJ Morton)
Gesamtspielzeit: 62:57 min

Im Forum kommentieren

captain kidd

2019-09-09 20:14:32

Find ich auch richtig öde. Ja, sie kann vielleicht rappen - aber da ist so wenig Witz und Verve drin, dass es staubt.

Plattenbeau

2019-09-09 17:05:16

Die Rap- und Sample-Inception von "Ibtihaj" feier ich.

Kojiro

2019-09-09 15:10:52

6/10 gebe ich ebenfalls..

maxlivno

2019-09-09 00:02:04

Ich fand Eve auch eher enttäuschen. Die zweite Hälfte mit den vielen Features fällt doch deutlich ab mMn. Würde 6/10 vergeben

MopedTobias

2019-09-08 20:35:37

Laila's Wisdom ist nicht das Debüt.

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Threads im Forum

  • Rapsody - Eve (7 Beiträge / Letzter am 09.09.2019 - 20:14 Uhr)