Disillusion - The liberation

Prophecy / Soulfood
VÖ: 06.09.2019
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Freiheitskämpfer

Plötzlich waren sie weg. Die ewigen Besserwisser hatten es natürlich schon immer gewusst. Und in der Tat hat es rückblickend den Anschein, als seien Disillusion an ihrem eigenen Anspruch zerbrochen. Damals, 2006, als die Leipziger ihr zweites Album "Gloria" veröffentlichten, schockierte der radikale Stilbruch gegenüber dem gefeierten Debüt "Back to times of splendor". Nämlich weg vom progressiven Death Metal, der seinerzeit in der Form radikal neu war, hin zu elektronisch verfremdetem Prog, vollgestopft mit kreativen Ideen. Doch die selbst verordnete Abkehr von allem, was die Band zuvor ausgezeichnet hatte, war ein Weg, den dann doch viele Fans nicht mitgehen wollten. Und so gab man auf, zerstreute sich in alle Winde. Bis 2015 wieder Lebenszeichen in Form einzelner Live-Auftritte zu vernehmen waren sowie mit der Single "Alea" 2016 ein erster zaghafter Versuch, auch auf Platte wieder an alte Erfolge anzuknüpfen.

Nun also doch, 13 Jahre nach "Gloria", ein neues Album. Ein Album, das bereits mit dem Titel "The liberation" den Wunsch nach einem Befreiungsschlag versinnbildlicht. Ein Album, für dessen Finanzierung Bandchef Andy Schmidt mittels Crowdfunding Euro für Euro zusammengekratzt hat. Doch vor allem ein Album, das nach kurzem Intro wie ein Donnerschlag beginnt. Denn dieser atmosphärische Beginn mündet langsam, aber sicher in ein Riffgebirge, dessen Strukturen zwar machtvoll, aber nicht zu komplex sind und sofort mitreißen. Mal flimmern die Gitarren wie bei Gojira, mal peitschen sie "Wintertide" unerbittlich voran, während Schmidt seine Vocals zunächst düster hervorpresst, im späteren Verlauf jedoch komplett eskaliert. Als wollte der Frontmann all seine kreative Idee in diesen einen Song stopfen, knallt "Wintertide" einen kreativen Haken nach dem anderen unters Kinn, verliert jedoch erstaunlicherweise nie den Faden.

Wer sich hingegen eher geradliniger das Antlitz neu möblieren lassen will, sprich den direkten Tritt in die Visage benötigt, der darf mit "The great unknown" zwar glücklich werden, würde aber auch hier die fein ziselierten Riffs verpassen, die die Prügelei zu einem technisch hochwertigen Vergnügen machen. Erst recht, wenn danach "A shimmer in the darkest sea" die Arme ausbreitet, eine erhabene, majestische Stimmung erzeugt und ganz nebenher Schicht um Schicht zu einem großartigen Werk auftürmt, welches aus jeglichen Genre-Beschreibungen ausbricht und damit vor allem eines ist: wunderschön. Gerade weil der Song Gefahr läuft, zerrieben zu werden.

Zerrieben nämlich zwischen dem spektakulären Beginn und der furiosen zweiten Albumhälfte, auf der die Sachsen mal ganz nebenher zwei Longtracks platzieren, um die Hörer auch ja nicht zu unterfordern. Da findet sich der hippieske Prog von Opeth, da finden sich wieder brutalstmögliche Death-Metal-Kanten, und irgendwann hört man zwangsläufig immer genauer hin, aus reiner Angst, man könnte irgendetwas verpassen. Was für ein Parforce-Ritt, der jedoch nie den Fokus verliert, immer schlüssig bleibt. Und das ist vielleicht das erstaunlichste an "The liberation". Denn diese Komplexität im Songwriting schüttelt sich nicht so aus dem Ärmel, sie will erarbeitet werden, und sei es dadurch, sich wie Schmidt zum Komponieren in eine Waldhütte zurückzuziehen. Möglicherweise hat "The liberation" nicht mehr das ganz große revolutionäre Überraschungsmoment wie 2004 "Back to times of splendor", zumal in der Zwischenzeit Bands wie Gojira die Bühne betreten haben. Damals waren die Sachsen ihrer Zeit voraus. Diese Platte hier ist aber vor allem eins: Ein unglaublich starkes Comeback. Willkommen zurück in der Weltklasse!

(Markus Bellmann)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Wintertide
  • A shimmer in the darkest sea

Tracklist

  1. In waking hours
  2. Wintertide
  3. The great unknown
  4. A shimmer in the darkest sea
  5. The liberation
  6. Time to let go
  7. The mountain
Gesamtspielzeit: 56:19 min

Im Forum kommentieren

HELVETE II

2019-09-09 13:15:36

Werde auch mal ein Ohr riskieren.

Autotomate

2019-09-09 13:14:59

Die Rezi macht dann ja doch neugierig, da werd ich dann wohl doch nicht dran vorbeikommen... Zumal das Album auch sonst überall sehr gelobt wird.

Armin

2019-09-08 19:42:43- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

The MACHINA of God

2019-09-07 21:03:15

Dieses 2015er Stück "ALEA" ist auch geil. Hat mit Abstand die meisten Plays. War das auf nem Soundtrack oder so?
Das Album läuft grad und gefällt schon mal auf Anhieb.

The MACHINA of God

2019-09-06 20:12:46

Schade, dass trotz 8/10 und 9/10 das neue Album wohl keine Rezension bekommen wird.

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