Chastity - Home made Satan

Captured Tracks / Cargo
VÖ: 13.09.2019
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Vorstadtgeflüster

Irgendwo in einem Vorort, kanpp außerhalb von Toronto, lebt ein junger Mann, ein Jedermann könnte man ihn nennen, der sich unprätentiös als Stellvertreter des Suburb-Bewohners per se empfielt. Der Typ heißt Brandon Williams und seine Band Chastity fasst mit "Home made Satan" das zweite Mal alles zusammen, was innerhalb der Klammer Emo seine Daseinsberechtigung besitzt. Adoleszente Verzweiflungszustände, mal giftig nach vorne ausgespuckt, mal in undurchdringliche Nebelfetzen gehüllt, Betäubung und Ausbruch. Am besten bringt es Williams in "Sun poisoning" auf den Punkt – und zwar im knappen Telegramm-Stil: "Free / Not free / Free / Empty." Und auch das plakativ betitelte "Anxiety" kommt direkt bei der oft proklamierten Teenage-Angst an.

Besonders dieser Song spricht offensiv und mit hymnischem Refrain das große Gefühl an, schleudert Verzweiflung und Unruhe werden mit großer Geste heraus. An anderer Stelle jedoch tritt eine sich sanft austrauernde Elegie auf den Plan: Die "Dead relatives" kommen mit verhallendem Gesang und mild dargereichten Gitarren-Akkorden zu Wort, ein Traum, voll von Wehmut und zweiten Gedanken. Auch "Last year's lust" setzt mehr auf Atmosphäre denn auf überschäumende Momente. Die Eruption im Refrain erwächst aus einem melancholisch stromernden Jangle-Pop mit größtmöglicher Natürlichkeit. Den glitzernden und sprudelnden Gitarrenklängen träumt man noch hinterher, wenn schon das milde "Bliss" vom herbstlichen Friedhof heim kommt. Wie eine in sich gekehrte Zwiesprache erscheint dieses Stück, verzichtet erneut auf einen spektakulären Refrain und sendet stattdessen in sachten Wellen ein beklemmendes Darben aus.

Ganz anders der Kurzschluss-Rocker "Spirit meetup", der dem Hörer revoltierende Gitarren um die Ohren haut, bis Williams das Stück mit eingetrübtem Gesang in ruhigere Fahrwasser überführt. Diese Mischung aus grungiger Randale und trauerumflorter Malaise sorgt für ein reizvolles Wechselbad, das aufzeigt, wie weit Chastitys Fähigkeiten auf der Klaviatur emotionaler Gitarrenmusik reichen. Da proklamiert das eröffnende "Flames" einen trügerischen Sommer, die Melodien entrollen sich gemächlich vor dem Hörer, vordergründig in wohliger Selbstgenügsamkeit, doch über den Gesang tropft dann doch einiges an melancholischer Vergeblichkeit hinein.

Wenn alles wie in "The girls I know don't think so" vor sich hintingelt, erinnert das an die helleren Momente bei The Cure und ist in seiner Slacker-haften Unbedarftheit die Essenz der Vorstadt. Die Herzen seiner Bewohner mögen durch Sehnsüchte und Leidenschaften wild pochen, nach außen dringt jedoch der Eindruck unveränderlicher Gleichmäßigkeit. Doch manchmal bricht er durch: der Moment, wo es kein Halten mehr gibt. Genügsamkeit und Bescheidenheit müssen zurücktreten, um einem emotionalen Wirbel Platz zu machen. Und so brandet "I still feel the same" wellengleich auf und bricht sich "Strife" mit zum Himmel geschichteten Gitarren seinen Weg durch den Asphalt der Nebenstraße. In solchen Momenten ist dann ein Suburb von Toronto der Nabel der Welt.

(Martin Makolies)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Sun poisoning
  • Anxiety
  • The girls I know don't think so

Tracklist

  1. Flames
  2. Dead relatives
  3. Spirit meetup
  4. Sun poisoning
  5. Anxiety
  6. Last year's lust
  7. Bliss
  8. The girls I know don't think so
  9. I still feel the same
  10. Strife
Gesamtspielzeit: 26:55 min

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Armin

2019-09-08 19:42:23- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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