Jens Carelius - Opsi

Jansen / Membran
VÖ: 13.09.2019
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

In voller Pracht

Also, aufgepasst: Jens Carelius' Ururgroßvater war der aus Hamburg stammende Insektenforscher Fritz Dörries, von seinen Freunden auch "Opsi" genannt. Wenn dieser erste Satz nur ein lahmes Schulterzucken hervorruft, kann das schlicht den Grund haben, dass die Entomologie nicht gerade zu den ganz großen Leidenschaften der Plattentests.de-Gemeinde zählt. Oder, und das ist noch wahrscheinlicher, dass Jens Jørgen Carelius Krogsveen hierzulande einfach ein Unbekannter ist. Auf den zweiten Blick liegt der Fall dann aber doch interessanter, als es bis hierhin den Anschein haben mag. Denn zum einen ist jener Fritz Dörries seinerzeit weit rumgekommen, hat Japan und Sibirien bereist und dabei unter anderem mehr als 50.000 Schmetterlinge gesammelt, die heute zum Bestand von Museen auf der ganzen Welt zählen. Seine abenteuerlichen, mehrere Jahrzehnte andauernden Reisen hat er in Journalen und einem Tagebuch festgehalten. Und zum anderen hat der Ururenkel auf Basis dieser Aufzeichnungen und angelehnt an das Leben seines rastlosen Vorfahren ein ziemlich schillerndes Stück Musik geschaffen.

Dass der Norweger selbst einen Hang zum Fernweh und ein Faible für die unberührte Natur hat, ließ bereits sein Album mit dem vielsagenden Titel "The beat of the travel" erahnen. Eher minimalistisch instrumentierten und eingängigen Singer-Songwriter-Folk bot Carelius da, einen kleinen Hit gab es mit "Into the fog" obendrein. Auf "The architect" folgten Ausflüge in die Kammermusik, es wurde opulenter, allerdings auch sperriger. Und dann hörte man vom Solokünstler Carelius lange Zeit erst einmal gar nichts mehr. Stattdessen gründete er die Kraut-Blues-Band Atlanter und nahm mit ihr zwei Platten auf. Acht Jahre sollte es seit "The architect" daher dauern, bis "Opsi" nun in voller Pracht erklingt. Was man bitte wörtlich verstehen darf, denn obwohl im Zentrum immer noch eine zerbrechliche Stimme und eine zwölfsaitige Gitarre stehen, zeichnet diese Platte eine nur schwer fassbare klangliche Weite und Vielfalt aus. Ohne, und das ist das Kunststück, dass Carelius sich je ganz darin verlieren würde. So wird etwa "Hunting butterflies" nicht einfach komplett unter den plötzlich einsetzenden Beats und Synthies begraben, sondern entpuppt sich in seinem schwelgenden Überfluss als ein glänzender Popsong. Und auch wenn hier der Text für die direkte Verbindung zur biografischen Vorlage sorgt, ist es letztlich die Musik, die jenes Flimmern und Flirren erzeugt, als gerate man unversehens in einen Schmetterlingsschwarm.

Oder "Bone-fire", das wächst und wächst, ein Gefühl von der Erhabenheit und Größe der Natur evoziert, und sich am Ende ein knapp zweiminütiges, dezentes Outro gönnt. Die letzten Funken verglühen am Nachthimmel, wir haben Zeit. Schließlich durfte der Ururgroßvater auch noch seinen hundertersten Geburtstag erleben. Und so fällt dann auch ein an sich eher entbehrliches Instrumental wie "Amur" nicht besonders negativ auf, sondern bereitet den Boden für das wiederum sehr opulente und ausufernde "All I know". Thematisch kreist "Opsi" natürlich ums Reisen und verpackt die damit verbundene Erfahrung von Einsamkeit und die Trennung von den geliebten Menschen daheim in Songs, die den traditionellen Folk musikalisch weit hinter sich gelassen haben – und die mit einigen Überraschungen aufwarten. Und wenn es zum Schluss in "Wildfire" erst etwas ziellos vor sich hin klappert und flüstert, dann aber fast wie aus dem Nichts eine dermaßen zwingende Melodie einsetzt, ist das ein gelungener Ausklang. Zugleich aber auch eine Art Zusammenfassung dieser irgendwie schrägen, bezaubernden Platte.

(Markus Huber)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Hunting butterflies
  • Bone-fire
  • Wildfire

Tracklist

  1. Lay me down
  2. Hunting butterflies
  3. Even beauty grows old
  4. The weight
  5. Bone-fire
  6. Amur
  7. All I know
  8. Wildfire
Gesamtspielzeit: 42:03 min

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Armin

2019-09-08 19:42:12- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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