Numb - Mortal geometry

Metropolis / Soulfood
VÖ: 23.08.2019
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Kein Grund zur Beruhigung

Es ist zum Auswandern: Da macht man sich maßgeblich um die komplexe Spielart der Industrial-EBM verdient, gilt als Mitbegründer des Vancouver-Sounds – und erreicht trotz qualitativ herausragenden Outputs nie den Status renommierter Kollegen wie Skinny Puppy oder Front Line Assembly. Zu allem Überfluss spuckt inzwischen jede Suchmaschine als erstes den Linkin-Park-Song aus, wenn man den Namen der eigenen Band eingibt – kein Wunder, dass Numb-Mastermind Don Gordon Anfang der 2000er seinen Wohnsitz von Kanada nach Vietnam verlegte. Seitdem ist Hellectro explodiert, Future Pop im Vaselinetopf ersoffen und Techno Body Music besorgniserregend abgemagert. Gordon jedoch arbeitet von Ho-Chi-Minh-Stadt aus nach ausgiebiger Pause weiter an seiner Vision digitaler Brachialität als Reaktion auf die dystopische Wirklichkeit.

An beidem hat sich 21 Jahre nach dem letzten Numb-Longplayer "Language of silence" nämlich nicht allzu viel geändert. Auch auf dem siebten Album "Mortal geometry" ist es vor allem das Schweigen zu Umweltzerstörung, politischem Machtmissbrauch und menschlichem Fehlverhalten, das Spezies und Planet an den Rand des Abgrunds bringt – und Gordon in so unbändige Wut versetzt, dass auch die gnadenlosen Rhythmen und beißenden Synthies von "Complicit silence" Mühe haben, mit den teufelnden Vocals Schritt zu halten. Kein so glühender Torch-Song aus dem Walzwerk wie "The hanging key" vom selbstbetitelten 1988er-Debüt, keine so rabiate Prä-Breakbeat-Breitseite wie "Eugene" aus dem Zweitling "Christmeister" – aber ein ruinöser Brecher, der sich hinter "Shithammer", "Blood" und anderen Club-Klassikern der Bandgeschichte nicht verstecken muss.

Und falls es jemand vergessen haben sollte: Ungeachtet des voluminösen Maschinenparks waren Numb Zeit ihres Bestehens im Herzen immer eine knochenharte Rockband, bei der Geschrei vor Nachdenklichkeit und Trommelfeuer vor Gekabel geht. Was aber nach wie vor nicht heißt, dass Gordon es dem Hörer allzu einfach machen würde. Schon gar nicht im Opener "Redact", der auf verschachtelten Beats aufbaut, sich von sirrenden Arpeggio-Fledermäusen umflattern lässt und den Ton für eine beunruhigende knappe Stunde vorgibt. "Hush" macht wenig anders und lüftet sein mit kleinen Melodietupfern gesprenkeltes Geheimnis erst, wenn aufgeworfene Samples und morastige Basslinien kurz Pause machen – an die etwas abgedunkelte, abschließende Reprise sollte man zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht denken. "Mortal geometry" dreht gerade erst richtig auf.

Nicht zuletzt das abgesehen von vietnamesischen Stimmfetzen instrumentale "The waiting room" demonstriert das grimmige Selbstbewusstsein der Kanadier: Statt einen potenziellen Hit zu verschenken, pumpen Numb das Stück mit harten Riffs und Holzfäller-Sequenzen auf, bis es auseinanderzufliegen droht – der von scharfen E-Percussions durchzischte Zivilisations-Abgesang "How it ends" steht schon bereit, um die Bruchstücke in einem Gitarren-Säurebad aufzulösen. Erst gegen Ende beruhigt sich diese eindrucksvolle elektronische Machtdemonstration allmählich wieder, fährt im fast zehnminütigen "Shadow play" Gordons zweites Standbein als Soundtrack-Komponist aus und inszeniert mit dem Titelstück den triumphalen Dark-Ambient-Brocken, der auch auf diesem Numb-Album natürlich nicht fehlen darf. Gute Nacht, Vietnam.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Redact
  • Complicit silence
  • The waiting room
  • How it ends

Tracklist

  1. Redact
  2. Hush
  3. Complicit silence
  4. The waiting room
  5. How it ends
  6. Summer lawns
  7. When gravity falls
  8. Shadow play
  9. Mortal geometry
  10. Hush (Creation to negation)
Gesamtspielzeit: 59:51 min

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VelvetCell

2019-08-11 17:58:28

Dazu kann ich nur phrasenschweinverdächtig fragen: Was? Die gibt´s noch!

Muss ich wohl mal reinhören!

Armin

2019-08-11 13:57:29- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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