Half Alive - Now, not yet

RCA / Sony
VÖ: 09.08.2019
Unsere Bewertung: 5/10
5/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Es lebe das Musikvideo

"Weißte was, Olli, mach Dir doch nichts draus, Musikvideos guckt sowieso keiner mehr", sagt Palina Rojinski am Ende des Meta-Musikvideos zum Olli-Schulz-Song "Phase", in dem es dem Musiker nicht gelingt, die Filmcrew bei der Stange zu halten, um ein ordentliches Video zu drehen. Jetzt, vier Jahre später, kann man entgegnen: Stimmt gar nicht! Einigen Bands gelingt es noch immer, mit aufwändig produzierten Clips auf sich aufmerksam zu machen. So passiert im Fall des kalifornischen Trios Half Alive (Eigenschreibung: half•alive), das im Sommer 2018 mit einem ausgesprochen stylishen Video in YouTubes "Empfohlen"-Rubrik gerutscht ist und inzwischen sage und schreibe 24 Millionen Klicks verbuchen kann. Der Song, zu dem das Video gehört, heißt "Still feel" und ist die Lead-Single des Debüt-Albums der Band, das zwar insgesamt wunderbar ästhetisch konzipiert ist, stellenweise aber auch an seinem Einfallsreichtum und überbordender Instrumentierung leidet.

Großzügig eingesetzte digitale Elemente geben den Tracks zudem einen seltsam artifiziellen Charakter, der die Stücke ganz klar als Produkte der heutigen Zeit ausweist, speziell die zweite Hälfte des Albums klingt allzu künstlich und überambitioniert. "Ice cold" und "Rest" etwa kranken daran, dass sie sich mit ihrem R&B-Vibe nicht recht in den Album-Kontext einfügen wollen. Die Gastparts verleihen den Stücken noch dazu den Eindruck, man würde gar nicht mehr der selben Band lauschen. "Creature" scheint sich mit seinen Synthie-Schüben allzu sehr dem Formatradio anzubiedern, und "Pure gold" ist mit seiner wirren Struktur schlicht überfordernd. Diese Kritikpunkte kann die erste Albumhälfte zwar nicht gänzlich ausmerzen, aber zumindest teilweise entschuldigen.

Der auf Schnalz-Geräuschen aufbauende Opener "OK OK" ist mit seinen überirdischen Backgroundgesängen und dem Aufbrechen gegen Ende ein fantastischer Einstieg in die Soundwelten des Trios."Maybe" erinnert charmant an den zuckerwattigen Indie-Pop von Passion Pit, "Trust" kann vor allem mit seinem grummelnden Bassline begeistern und lässt an Twenty One Pilots denken. Die beiden Highlights sind allerdings das oben bereits erwähnte "Still feel", dessen Refrain dabei etwas zu sehr nach "Too close" von Alex Clare klingt und das noch etwas treibendere "Runaway", das sich lässig aufbaut und mit einem besonders eingängigen Chorus aufwartet. "But I find that everything I am / Is everything I should be / I don't need to run away", lautet die erbauliche Lehre des Songs.

Sänger Josh Taylor schreibt leichtfüßige, spielerische Texte über die Irrungen und Wirrungen der Selbstfindung, etwa auch in "Arrow": "The hardest place to be / Is right where you are / In the space between / The finish and the start." Diese relativ banalen Erkenntnisse und motivierenden Zeilen fügen sich in den leichtfüßigen Gesamtcharakter von "Now, not yet" großartig ein, insgesamt klingen die meisten Songs allerdings überproduziert und etwas zu glatt, um längerfristig zu begeistern. Dem Ruhm des Trios tut das jedoch keinen Abbruch: Es lebe das Musikvideo!

(Simon Conrads)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Runaway
  • Maybe
  • Still feel

Tracklist

  1. OK OK
  2. Runaway
  3. Maybe
  4. The notion
  5. Still feel
  6. Trust
  7. Arrow
  8. Pure gold
  9. Ice cold
  10. Rest
  11. Breakfast
  12. Creature
Gesamtspielzeit: 41:36 min

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Armin

2019-08-11 13:56:09- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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