Antwood - Delphi

Planet Mu / Cargo
VÖ: 19.07.2019
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
4/10

Liebe in Zeiten der Sprachnachricht

Für Tristan Douglas ist das Internet kein Neuland. Immerhin hat der kanadische Electro-Künstler und Produzent unter dem Alias Antwood schon zwei um modernste Technologien zirkelnde Konzeptalben veröffentlicht, die sich mit künstlicher Intelligenz, digitaler Werbung oder dem ASMR-Phänomen befassten. "Delphi" macht das Triple voll: Douglas lässt die gemeinsam mit seiner Freundin Olivia Dreisinger erdachte Titelheldin am eigenen fiktiven Leib erfahren, wie sich neue Kommunikation auf romantische Beziehungen auswirkt. In kurzen Fragmenten wird Delphi auf Skype ihr Herz öffnen und sich über das anschließende Ghosting wundern oder böse Textnachrichten aus Coffee-Shops verschicken – alles vorgetragen mit einem so mechanischen Tonfall, dass ein Kommentar auf die emotionale Abstumpfung durch Social Media nicht sehr weit hergeholt erscheint. Wem die ganze Geschichte befremdlich oder uninteressant vorkommt, muss sich davon aber auch nicht abschrecken lassen, weil Delphis Monologe nur einen Bruchteil des Albums ausmachen. Die meiste Zeit über tobt sich Douglas in seiner experimentellen Definition elektronischer Tanzmusik aus, die nichts von ihrem fordernden und nervenaufreibenden Charakter eingebüßt hat.

Nach einem kurzen Intro beginnt "Club dread" auch schon den erratischen Tanz auf den Synapsen. Abseitige Effekte zupfen und zerren am pulsierenden Beat dieses verkappten Dance-Tracks und bringen ihn tatsächlich zum Kollaps. Der anschließende Titeltrack zieht das Tempo mit nervösen Synth-Arpeggios weiter an, wandelt seine im Rave verwurzelte Aggression am Ende gar in eine Electro-Avantgarde-Verkörperung von Metal um. Zerhackte Vocals bilden hier die Erkennungsmelodie der Protagonistin, die ein zärtliches Piano im späteren "Delphi's song" wieder aufgreifen wird. Solche Ruhepole, welche die dem Zerreißen nahe Spannung immer wieder auflockern, stellen die andere, gegensätzliche Seite von "Delphi" dar. Die wundervollen Klavier- und Streicher-Harmonien von "Healing labyrinth" fallen ebenso hierunter wie das exotisch anmutende Gezupfe von "First Delphic hymn (to Apollo)". Doch Ruhe bedeutet nicht immer auch Entspannung, das narkotische "Queasy" erzeugt mit entrückten Fingerschnipsern und anderen Samples eine eher unheilvolle Stimmung. In jedem Fall beeindruckt Douglas' musikalische Vision, die keinen gängigen Strukturen folgt und deren Einflüsse von Neo-Klassik bis Noise reichen.

Das ständige Changieren zwischen Wohlklang und Verstörung spielt damit auch eine tragende Rolle innerhalb des Konzepts: Delphis innere Berg- und Talfahrt, die sich hinter ihrer Roboterstimme nur erahnen lässt, wird dadurch erlebbar gemacht. "Portal" heißt das rasende Herzstück der Platte, das seinen Terror-Trance erst durchdrehen, dann in ein tiefes Loch von Rauschen und Geräusch stürzen lässt. "Cave moth" zerstückelt einen Trap-Beat aus der Zukunft, "Castalian fountain" präsentiert auf eindrückliche Weise den Einklang von Manie und Meditation – pastorale Flöten- und Harfenklänge, abgründige Bässe, ätherische Vocals und noch mehr akustischer Alptraum, alles in einem Song. Auch "Ecstatic dance" schraubt die Ambitionen kein Stück herunter, fährt großes Streicher-Drama auf und transferiert diese hypermoderne Liebesgeschichte damit auf die Bühne oder Leinwand. Im finalen "Some dust" hat Delphi schließlich Zuflucht auf einem Berg, fernab von jedem Handy- oder WLAN-Netz, gefunden und reflektiert das Geschehene. Natürlich klingt sie dabei immer noch so, als hätte sie all das Aufbegehren und Zusammenbrechen ihres Namensvetter-Albums völlig kalt gelassen. Dem Zuhörer erging es wahrlich anders.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Club dread
  • Portal
  • Castalian fountain
  • Ecstatic dance

Tracklist

  1. Skype ghost
  2. Club dread
  3. Delphi
  4. Queasy
  5. A hostile message
  6. Healing labyrinth
  7. Portal
  8. First Delphic hymn (to Apollo)
  9. Cave moth
  10. Castalian fountain
  11. Ecstatic dance
  12. Delphi's song
  13. Some dust
Gesamtspielzeit: 44:23 min

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Armin

2019-08-11 13:55:02- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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