Vanishing Twin - The age of immunology

Fire / Cargo
VÖ: 07.06.2019
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Melting Pop

Schmilzt im Ohr, nicht in der Hand: Die Mitglieder von Vanishing Twin stammen aus den USA, Belgien, Japan, Italien und Frankreich – und London ist ihr Melting Pot. Da liegt es nahe, dass sie den Brexit, einen der vielen Krämpfe in der europäischen Identitätsfindung, eher sorgenvoll beobachten und ein Album machen, auf dem sie für Grenzenlosigkeit plädieren. Mucke mit Meinung also, aber auch ästhetisch ist "The age of immunology" eine Wucht. Bereits nach dem ersten Song "KRK (At home in strange places)" – sphärischer Ambient-Brazilectro – fühlt man sich gut aufgehoben im faszinierenden Cosmopop-Kosmos der Band. "Wise children" ist die fiktive Antwort auf die Frage, wie es eigentlich klingen würde, wenn Air und Peggy Lee in einer perfekten Welt miteinander kollaboriert hätten: Träumerisch, ja schlafwandlerisch besingt Cathy Lucas mit einer Stimme wie Sahne das innere Kind. Auch in "You are not an island", einem Hippie-Poem mit perlender Gitarre und lieblichem Glockenspiel, buttert Lucas‘ Stimme den Toast, bevor das Ganze überraschend in einer Kakophonie mit Kauderwelsch endet.

Das politische Statement geht keinesfalls verloren in der durch und durch eskapistischen Musik, denn die Musik selbst ist das Statement und transzendiert Genre-Grenzen, Hörgewohnheiten und Produktionsstandards: "You are not an island", "Planète sauvage" und "Invisible world" wurden bei nächtlichen Sessions in einer verlassenen Mühle in Sudbury eingespielt; der Opener soll sogar nur mit dem Smartphone während einer Live-Session auf der kroatischen Insel Krk aufgenommen worden sein. Legende hin, Band-Mythos her – Fantasie haben die fünf Kosmopoliten allemal.

"Cryonic suspension may save your life" – der Song mit dem kryptischen Titel und einem mysteriösen, schwülen Gorillaz-Groove – steigert sich sukzessiv von der Trance zur Ekstase. Die süffige Dream-Pop-Revue "Magician’s success" verzückt ebenfalls auf ganzer Linie und wird von einem in traumartigen Bildern à la "Ashes to ashes" kunstvoll inszenierten Musikvideo optisch gekrönt. Unter den insgesamt drei Tracks mit Spoken-Word-Vocals (die Quote an sich ist schon mutig) sticht besonders "Planète sauvage" hervor, ein extraterrestrischer Bossa-Nova mit chansonähnlichem Sprechgesang (Serge Gainsbourg sagt "Bonjour") als spacige Hommage an den gleichnamigen französischen surrealistischen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1972.

Die famose Trip-Hop-Nummer "Backstroke" mit blubbernden Synthies und Sci-Fi-Sounds lässt die Moleküle tanzen und schießt uns direkt ins Weltall, den Ort, an dem sich die radikalste Utopie verwirklichen lässt, denn die Welt(raum)bürger von Vanishing Twin streben nach nichts geringerem als einer "United Federation Of Planets". Das ist ziemlich abgedrehtes Zeug, aber auch der Schlüssel zu diesem Konzeptalbum, das von A. David Napiers anthropologischer Abhandlung inspiriert und nach ihr benannt wurde. Das psychedelische Finale dieses akustischen Muskel-Relaxans, "Language is a city (Let me out)", kommt im Krautrock-Stil mit Flöte, dichter Percussiontextur und einem Klavier, das dreisterweise den Bass-Part übernimmt, daher. Schade bloß, dass man danach zu schlaff ist für die Revolution.

(Claudia Harhammer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • KRK (At home in strange places)
  • You are not an island
  • Language is a city (Let me out)

Tracklist

  1. KRK (At home in strange places)
  2. Wise children
  3. Cryonic suspension may save your life
  4. You are not an island
  5. The age of immunology
  6. Magician's success
  7. Planète sauvage
  8. Backstroke
  9. Invisible world
  10. Language is a city (Let me out!)
Gesamtspielzeit: 45:13 min

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Lateralis84skleinerBruder

2019-07-10 17:14:19

Würde unter den Referenzen noch The Focus Group hinzu fügen. Nur songorienierter. Gefällt mir sehr gut

Armin

2019-07-08 20:11:51- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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