New Order - Σ(No,12k,Lg,17Mif) New Order + Liam Gillick - So it goes ...

Mute / PIAS / Rough Trade
VÖ: 12.07.2019
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Wieder zu Hause

Immer ein prima Rezensionsauftakt: die Rückblende. Etwa hier, da, und wenn's sein muss, auch dort. Bitte sehr: 2012, Hurricane Festival – da, wo der Schlamm immer besonders stinkt. Bei gräulichen Witterungsverhältnissen spielen sich New Order eine Stunde lang durch Highlights ihrer Diskografie, wobei sich Sänger Bernard Sumner auch aufgrund von Soundproblemen nie so richtig wohl in seiner Haut zu fühlen scheint. Vielleicht waren die Briten bei einer Veranstaltung, über der Die Ärzte als Headliner thronen, aber auch nicht gerade optimal aufgehoben. So oder so: Ausgewiesene Live-Band ging an jenem Tag anders. Eine weitaus bessere Figur machen New Order wie schon zuletzt auf dem Mitschnitt "NOMC15" mit "Σ(No,12k,Lg,17Mif) New Order + Liam Gillick - So it goes ...". Und nein, das hat rein gar nichts mit höherer Mathematik zu tun.

Sondern damit, dass dieses während des 2017er Manchester International Festivals aufgezeichnete Konzert ein besonderes ist. New Order gaben es in ihrer Heimatstadt zusammen mit einem zwölfköpfigen Keyboard-Ensemble vor einem Bühnenbild des MoMA-erprobten Künstlers Liam Gillick – an dem Ort, wo Joy Division 1978 bei der vom späteren Factory-Records-Macher Tony Wilson moderierten Show "So it goes ..." erstmals im Fernsehen auftraten. So viel zum interessant sperrigen Titel – als noch interessanter erweist sich die Setlist. Die ist nämlich ebenfalls nicht bloß irgendeine und versammelt statt sattsam bekannten Heulern zahlreiche Stücke, die live selten oder gar keine Berücksichtigung fanden, sodass "Blue Monday", "True faith" und Konsorten diesmal draußen bleiben müssen. Nummer sicher? Keineswegs. Tolle Nummern? Allesamt.

Diese stammen aus sämtlichen Bandphasen – von der Keimzelle Joy Division über den traurigen Rest, der sich nach Ian Curtis' Tod erst neu erfinden musste, bis New Order schließlich zu Elder Statesmen des gedämpft optimistischen Indie-Pop wurden. In "Vanishing point" wildert ein House-Piano inmitten elektronischer Melancholie, "Dream attack" paart perlende Gitarren mit wuchtigem rhythmischem Unterbau – aus dem 1989er Meisterwerk "Technique" fehlt nur die bassige Laserkanone "Mr. Disco". Sechs Jahre zuvor hatte das auch hier prächtig funkelnde "Your silent face" die kosmischen Anfänge von Orchestral Manoeuvres In The Dark neu interpretiert, und der Dance-Block zeigt mit Tracks wie "Bizarre love triangle" oder "Sub-culture", dass das Motto "Tutti frutti, bella discoteca" schon lange vor dem formidablen Singalong-Stampfer "Guilt is a useless emotion" galt.

Dennoch sollte man New Order trotz überwundener Post-Punk-Dunkelheit nie auf die inhaltlich leichte Schulter nehmen – wie zum Beweis trauert das nur scheinbar unbedarfte "All day long" bitter um Kindesmissbrauchsopfer. Düster wird es auch bei den immer wieder eingestreuten Joy-Division-Songs: Der Klassiker "Disorder", der seit 30 Jahren nicht mehr auf der Setlist stand, ist genauso vorzüglich gealtert wie der psychedelische "Atmosphere"-Wiedergänger "In a lonely place" oder "Heart and soul", das mit einem präzisen Lick Druck macht. Der mögliche Einwand, dass der Fünfer das nicht nur im Video bärige "60 miles an hour", die Brit-Pop-Wuchtbrumme "Regret" oder das donnernde "Krafty" schuldig bleibt, ist zwar sachlich richtig, tut bei einem so hervorragenden Live-Album wie diesem aber nichts zur Sache. Music complete? Eher New Order fast perfekt.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Dream attack
  • Disorder
  • Guilt is a useless emotion
  • Bizarre love triangle
  • Your silent face

Tracklist

  • CD 1
    1. Times change
    2. Who's Joe
    3. Dream attack
    4. Disorder
    5. Ultraviolence
    6. In a lonely place
    7. All day long
    8. Shellshock
    9. Guilt is a useless emotion
  • CD 2
    1. Sub-culture
    2. Bizarre love triangle
    3. Vanishing point
    4. Plastic
    5. Your silent face
    6. Decades
    7. Elegia
    8. Heart & soul
    9. Behind closed doors
Gesamtspielzeit: 95:51 min

Im Forum kommentieren

MM13

2019-07-12 19:42:04

zusammen mit nomc15 wohl ihre besten live sachen überhaupt.gefällt mir unheimlich gut.

Goeoenk

2019-07-09 08:27:52

Da hätte ich jetzt gerne eine BlueRay davon. Hören ist gut, Hören + Sehen besser! Weiss jemand, ob da was geplant ist?

Armin

2019-07-08 20:09:46- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

musie

2019-07-01 20:52:10

sie waren richtig richtig gut am Rock Werchter gestern. super Animationen und Gesang hat auch wieder gepasst. viel besser als vor ein paar paar Jahren.

slowmo

2019-07-01 20:40:51

oh man, was für ein Name haben sie sich denn da einfallen lassen, aber nomc15 ist wirklich ein großartiges Live Album, was mit der Zeit auch noch ordentlich gewachsen ist. Schade, dass sie nie mal in meine nähe kommen. Würde die auch so gerne mal Live sehen.

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