Drab Majesty - Modern mirror

Dais / Cargo
VÖ: 12.07.2019
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Natürlich künstlich

Manchmal ist Rückwärtsgerichtetheit kein Argument. Nehmen wir Drab Majesty: Man könnte Deb DeMure und Mona D angesichts von mehltaubestäubtem Goth-Image, monströsen Haarteilen und unverkennbarem Achtziger-Vibe ohne weiteres der mutwilligen Retrofizierung bezichtigen. Der Haken an der Sache: DeMure sieht sich selbst als dimensionenübergreifende Muse, die dem Kalifornier Andrew Clinco von Zeit zu Zeit klangliche Botschaften aus einer anderen Sphäre einflüstert. Und ein solches Wesen guckt bei der Frage "Was ist eigentlich Zeit?" nun mal meist verständnislos aus der metaphysischen Wäsche. Wahrheitsgetreuere Version dieser Mär: Wenn Clinco nicht gerade bei Emma Ruth Rundles Post-Metallern Marriages trommelt oder mit dem Trio VR Sex dystopischen Post-Punk fabriziert, schlüpft er bei Drab Majesty in die Rolle des düster bebrillten Alter Egos und verpasst dem alten Gefriertruhen-Gespenst Cold Wave eine Art Glam-Update mit Heizdecke. Auf "Modern mirror" bereits zum dritten Mal.

Bereits "The demonstration" war 2017 eine ebensolche in Sachen gravitätischer, emotional ermatteter Popmusik und führte DeMures schillernde Persona mit synthetischem Trockeneiswabern und pointierten Gitarren-Reverbs über betont artifizieller Beatbox-Grundierung zusammen. "Modern mirror" verlegt nun die Sage des in sich selbst verliebten Narziss ins Hier und Jetzt, wobei der Frontmann auf dem Cover so gebannt in ein Hochglanzmagazin stiert wie der mythische Jüngling auf sein Spiegelbild. Und wer weiß schon, von welchem Gegenüber die Rede ist, wenn Mona D passend dazu im formschön abzischenden "Oxytocin" beinahe frenetisch "I'm in love again" jubiliert? Eiernde Riffs im Stile früher The Chameleons schrauben sich empor, der Song nimmt genauso entrückt Fahrt auf wie "She bangs the drums" von The Stone Roses und zerschellt schließlich an einer bombastischen Soundwand – wer jetzt noch das stimulierende Hormon aus dem Titel braucht, wird nie zum Kuschelwuschel. Nicht jetzt und nicht vor 30 bis 40 Jahren.

Es ist gerade bei diesem Song oder dem genauso vollmundigen "Ellipsis" also ein Leichtes, Drab Majesty ihr Schielen Richtung Vorgestern nachzusehen, wenn die beiden sich schon in puncto Variabilität nicht sonderlich interessiert zeigen. Auch die Zeitgenossen The Soft Moon sind nicht weit, wenn "Noise of the void" deren Schwarzlicht-Schlürfer "Wasting" beleiht. Beileibe nicht der einzige Track auf "Modern mirror", dessen Hallräume die Ausmaße eines Flugzeughangars erreichen. Fast möchte man sich über diesen Mahnpark der Vorbildgeprägtheit schon ein wenig ärgern – da sorgt "Out of sequence" dank federnden Licks, luftiger Elektronik und jenseitig belegtem Gesang für einen feinen Abschluss. Und DeMures Sozius Mona D – übrigens ein Mann mit dem bürgerlichen Namen Alex Nicolaou – zuckt mit den Schultern: "Auf der Bühne musst Du nicht Du selbst sein." Oder wie Oscar Wilde gesagt hätte: "Die erste Pflicht im Leben ist, so künstlich wie möglich zu sein. Was die zweite ist, hat bisher noch niemand herausgefunden." Tut auch nicht unbedingt Not, solange es Alben wie dieses gibt.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Ellipsis
  • Oxytocin
  • Out of sequence

Tracklist

  1. A dialogue
  2. The other side
  3. Ellipsis
  4. Noise of the void
  5. Dolls in the dark
  6. Oxytocin
  7. Long division
  8. Out of sequence
Gesamtspielzeit: 42:52 min

Im Forum kommentieren

boneless

2019-07-13 10:44:26

Schlicht wunderbar. Wie vermutet, nicht ganz auf dem hohen Niveau von The Demonstration, aber immernoch richtig großartig. Dieses authentische 80s-Feeling schafft für mich kein anderer Künstler momentan, auf der neuen gibt es außerdem die ein oder andere Parallele zu Depeche Mode, die mir so bisher noch gar nicht aufgefallen ist.

Thomas

2019-07-10 20:37:49

@ boneless: Danke für den Hinweis, immer gut, wenn Fans ein waches Auge bzw. Ohr haben. :) Bei den aufgefahrenen Hall(en)bädern zuweilen stimmlich nicht so einfach zu unterscheiden, Credits oder detaillierte Angaben lagen leider nicht vor. Ist aber nun geändert.

boneless

2019-07-08 21:46:13

Und wer weiß schon, von welchem Gegenüber die Rede ist, wenn DeMure im formschön abzischenden "Oxytocin" für seine Verhältnisse beinahe frenetisch "I'm in love again" jubiliert?

Da singt übrigens Mona. ;)

Armin

2019-07-08 20:07:22- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

GV

2019-07-08 19:39:37

Bescheuerte Wertung, gute Platte. Auch wenn das VR Sex Album noch besser ist.

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