Cassius - Dreems

Ed Banger / Caroline / Universal
VÖ: 21.06.2019
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Blackzdar

Man kann nicht über "Dreems" sprechen, ohne vorher den pechschwarzen Elefanten aus dem Weg geräumt zu haben. Am 19. Juni 2019, zwei Tage vor Album-Release, verstarb Philippe Zdar. Die eine Hälfte von Cassius stürzte aus einem Hochhaus und wurde nur 52 Jahre alt. Zahlreiche Künstler zollten Tribut und brachten damit zum Ausdruck, in welcher Dimension das legendäre French-House-Duo die letzten 20 Jahre geprägt hat. Der Einfluss von Zdar und seinem kongenialen Partner Hubert Blanc-Francard alias Boom Bass ging weit über die elektronische Musik hinaus – mit ihren frühen Produktionen für MC Solaar prägten sie den französischen Neunziger-Rap, mit Arbeiten für Phoenix, Two Door Cinema Club oder The Rapture den modernen Indie. Ihnen nach dem offiziell von Blanc-Francard verkündeten Ende die verdiente Anerkennung zukommen zu lassen, ist das einzige, das man als Außenstehender noch für Zdars Vermächtnis tun kann. Glücklicherweise verdient sich "Dreems" diese Wertschätzung schon von sich heraus vollständig und gibt als ungewollter, tragischer Abschluss der Diskographie eine weitaus würdigere Figur ab, als es das durchwachsene 2016er-Werk "Ibifornia" getan hätte.

Von dessen großspurigen, leicht irritierenden Ibiza-Vibes verabschieden sich Cassius hier wieder und zelebrieren einen Minimalismus, der an ihre Anfangsjahre erinnert. Die Huldigung der eigenen Vergangenheit geht dabei automatisch mit einem Knicks vor der Musikhistorie generell einher: Vor allem die erste Albumhälfte gehört ganz klar den Achtzigern. "Summer", mehr Intro als Opener, leitet mit verheißungsvollen Piano-Anschlägen in "Nothing about you" über, den ersten kleinen Hit mit John Gourley von Portugal.The Man am Mikro. "Dreems" groovt wie Hölle, bleibt dabei aber stets tiefenentspannt, auch in der stilsicheren Chicago-House-Verbeugung "Rock non stop". Die Kohärenz der Platte beeindruckt. Alles ist ein stetiger Fluss, angetrieben von repetitiven, einnehmenden Beats, Motiven und Stimmen-Samples. Dazu finden sich in manchen Songs bereits Vorgriffe auf ihren jeweiligen Nachfolger. In "Vedra", einer getragenen Synthwave-Anlehnung, die mit ihrer Tageslicht-Aversion wunderbar auf den "Drive"-Soundtrack gepasst hätte, schwirren bereits die Vocals herum, die "Fame" prägen sollen – ein nervös zitterndes, detailreiches Highlight, das zeigt, dass Retro-Ästhetik nicht zwingend altbacken klingen muss.

In der stilistisch breiter gefächerten zweiten Hälfte bekommen die für Cassius immer schon immens wichtigen Gäste mehr Raum. Beastie Boy Mike D sticht da sicherlich heraus, erhöht in "Cause oui!" das Tempo und steuert mit besessener Energie ein paar assoziative Verse bei: "These fascists don't save me / I like Liza Minnelli / Not Gaga, don't tell me / That douchebag Martin Shkreli." Im Kontrast dazu leiht die Britin Vula Malinga ihre ungemein warme, beruhigende Stimme "W18", Cassius' Neuinterpretation ihres eigenen 2002er-Songs "I'm a woman". Den größten Auftritt bekommt aber die französische Sängerin Owlle, die in gleich drei Songs zu hören ist: im erhabenen Schlussstück "Walking in the sunshine" ebenso wie im Titeltrack, dem sie gemeinsam mit The-Rapture-Frontmann Luke Jenner eine wundervoll schwebende Qualität verleiht. Zusammen mit dem hypnotischen Bass-Sog von "Calliope" stellt dieser Song die Klasse von "Dreems" wohl am deutlichsten heraus. Ob Blanc-Francard, der nicht nur einen Kollaborateur, sondern auch einen langjährigen Freund verlor, davon in naher Zukunft überhaupt irgendwas wissen will, darf natürlich stark angezweifelt werden. Ihm sei nur das Beste zu wünschen und vielleicht wird er in einigen Jahren rückblickend feststellen können, dass er und Zdar ihr Lebenswerk auf eine äußerst gelungene Weise abschließen konnten.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Nothing about you (feat. John Gourley)
  • Fame
  • Dreems (feat. Owlle, Luke Jenner & Joe Rogers)
  • Calliope

Tracklist

  1. Summer
  2. Nothing about you (feat. John Gourley)
  3. Vedra
  4. Fame
  5. Don't let me be (feat. Owlle)
  6. Chuffed
  7. Rock non stop
  8. Cause oui! (feat. Mike D)
  9. Dreems (feat. Owlle, Luke Jenner & Joe Rogers)
  10. Calliope
  11. W18 (feat. Vula Malinga)
  12. Walking in the sunshine (feat. Owlle)
Gesamtspielzeit: 50:20 min

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Armin

2019-07-08 20:07:08- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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