Imperial Wax - Gastwerk saboteurs

Saustex / Rough Trade
VÖ: 24.05.2019
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Kleckern und Klotzen

Dies ist kein Text über The Fall, wenngleich Keiron Melling, Dave "The Eagle" Spurr und Pete Greenway elf Jahre Dienstzeit bei The Fall auf dem Buckel sowie sechs Studio-Alben und zwei EPs mit Mark E. Smith auf dem Kerbholz haben. Nun machen es Melling, Spurr und Greenway wie New Order und fangen neu an – mit Sam Curran als Sänger und zweitem Gitarristen. Ihr Bandname verweist dabei nicht zufällig auf "Imperial wax solvent", jenes erste Album mit Smith, und so bleibt das Trio also doch ein wenig mit der Vergangenheit verbunden.

"Gastwerk saboteurs", das Debüt dieser mit allen Wassern gewaschenen Musiker, bestätigt das einem Qualitätsversprechen gleichkommende Gütesiegel "Made in Manchester" erneut. Name-Dropping ist in diesem Zusammenhang unerlässlich, schließlich ging die Stadt im Nordwesten Englands dank The Chameleons, Elbow, Herman's Hermits, Joy Division, Lamb, The Verve und ja, auch Take That, in die Annalen der Musikszene ein. Das Cover-Artwork – eine monströse Mutation im piekfeinen Concierge-Zwirn – ist eine gruselig-wohlige Reminiszenz an die anarchische Anti-Ästhetik des frühen Musikfernsehens; das Auge hört schließlich mit. Don’t judge a book by its cover, aber Holla, die Waldfee – die Vorfreude ist groß! Oder wenigstens die Hoffnung auf etwas nicht minder Spannendes.

Und tatsächlich: Schon beim Gitarren-Lick am Anfang von "The art of projection" ahnt man, dass hier gleich noch viel Gutes passieren wird. Sam Currans Stimme bellt und gellt, überschlägt sich und zerreißt fast und strotzt dabei vor Kraft. Kontrollverluste gibt’s hier nur in der Moshpit, wenn die Kapelle im einnehmend-eingängigen Refrain zum Pogo aufspielt.

In "Turncoat" (mit Jukebox-Flavour und Blues-Nonchalance) erinnert Currans Stimme nicht zum letzten Mal an das gelangweilt-laszive Timbre des QOTSA-Frontmanns Josh Homme. Auf das Stoner-eske "Saying nothing" folgt der Stilbruch mit "Wax on", einem kurzen schlagzeuglastigen Instrumental mit hypnotischem Bass, das – Fade-in, Kopfnicken, Fade-out – auch schon wieder vorübergezogen ist, sobald man sich eingehört hat. Aber warum eine gute Idee fallenlassen, panschen oder lyrisch entstellen, wenn sie auch nach dem Klein-aber-fein-Prinzip funktioniert? Iggy Pop trifft Rockabilly trifft Surf in "Plant the seed": Höhnisch leiernd, treibt Curran Rotznasentum und Verweigerungshaltung auf die Spitze. "Barely getting by" ist das Highlight unter den Highlights des Albums: Melodien, Emotionen und Grooves können Imperial Wax wirklich. Greenways Gitarre holt einen prompt ab und Curran spielt virtuos auf der Klaviatur des Leidens. Das letzte Wort hat dann die Wortlosigkeit, wenn sich die Instrumente ein letztes Mal aufbäumen.

Der mit fast zehn Minuten ziemlich dicke Brocken "Rammy Taxi Illuminati" beginnt als Rockabilly-Abzappel-Nummer, die nach der Hälfte übergeht in eine ekstatische Jam-Session in bester Krautrock- und Drone-Music-Manier, während "No man's land" zunächst den Anschein erweckt, ein fast schon konventionelles Stück Rock-Musik zu sein, bis es einem die eigenen Erwartungen um die Ohren haut: Auf "Gastwerk saboteurs" ist glücklicherweise nichts, wie es scheint. Da man die gängigen Topoi jedoch auch nicht gänzlich links liegen lassen kann, gibt es mit "Poison Ivy" auch noch die obligatorische Ode an die Femme Fatale (oder an ein Betäubungsmittel, so genau lässt sich das nicht immer sagen). "Wax off", der krautige Counterpart zu "Wax on", in dem sich die Instrumente orgiastisch tummeln, und "More fool me" drosseln zwar nicht die Lautstärke, aber das Tempo des Albums. Und da Imperial Wax ja das Kleckern und das Klotzen beherrschen, trauen sie sich auch, das Album mit einem neunminütigen Instrumentalstück abzuschließen. Die letzten eineinhalb Minuten von “Night of the meek“ gehören der schrecklich-schönen Kakophonie eines morbiden Klaviers, das vermutlich demselben Albtraum entstammt wie der Typ auf dem Cover.

(Claudia Harhammer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • The art of projection
  • Rammy Taxi Illuminati
  • Barely getting by
  • Night of the meek

Tracklist

  1. The art of projection
  2. Turncoat
  3. Saying nothing
  4. Wax on
  5. Plant the seed
  6. Barely getting by
  7. Rammy Taxi Illuminati
  8. No man’s land
  9. Poison Ivy
  10. Wax off
  11. More fool me
  12. Night of the meek
Gesamtspielzeit: 56:21 min

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TheMakko

2019-06-08 11:39:36

Das eigentliche Album der Woche.

Armin

2019-06-06 11:40:03- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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