Defeater - Defeater

Epitaph / Indigo
VÖ: 10.05.2019
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Perspektivisch gesehen

Was Fans von Converge längst gewohnt sind, trifft nun auch auf Defeater zu: Die Lyrics auf dem selbstbetitelten fünften Album sind akustisch kaum zu entziffern. Derek Archambaults Shouts werden auf "Defeater", der selbstbetitelten vierten Platte, zu einem Puzzlestück der Instrumentalfraktion. Schon im Vorfeld haben sich Fans daran gestoßen. Dabei klang die Band selten so aus einem Guss wie auf diesem Album. Jedes Instrument und eben auch Archambaults Shouts stehen einander auf einer Stufe gegenüber und erschaffen mit vereinten Kräften ein großes Ganzes, ohne ein einzelnes Element überzuordnen. Musikern mit dem Anspruch, eine in sich geschlossene Fiktivwelt zu erschaffen, steht ein solches Vorgehen doch äußerst gut zu Gesicht. Tatsächlich muss man dem neu gewonnen Produzenten Will Yip ein großes Kompliment aussprechen. Die Drums auf "Defeater" klingen so opulent und mächtig, als hätte man es mit einem wütend stampfenden Riesen zu tun. Der Bass im explosiven "Mothers' sons" knattert, brummt und drückt, dass einem die Ohren sausen.

Nachdem die beiden Vorgänger-Alben "Letters home" und "Abandoned" an zunehmender Eindimensionalität krankten, öffnen sich Defeater auf ihrem fünften Werk ein gutes Stück. Die Band agiert lyrisch und musikalisch vielseitiger, denn Texter Archambault lässt gleich mehrere Figuren zur Sprache kommen. Diese Perspektivenvielfalt schlägt sich im Sound nieder und führt obendrein dazu, dass ihr fünftes Album mit und ohne Hintergrundkenntnisse für emotionale Unordnung sorgt. "List & heel" etwa präsentiert sich als verzweifelte Sehnsuchtshymne, in der eine gefährliche Schiffsreise der ersehnten Umarmung mit der geliebten Person im Wege steht. In Verbindung mit dem Erzählkontext der Vorgänger bekommt eine solche Geschichte natürlich ein exklusives Setting. Wüsste man es nicht besser, könnte man den Text aber auch rein metaphorisch deuten.

Auf "Defeater" befreit sich die Band aus ihrem zuletzt eher eng gesteckten Sound-Korsett. Die Bostoner klingen intensiv und mitreißend wie lange nicht. Postrock-Sounds, die in Ansätzen bereits zu hören waren, werden verfeinert und verdichtet. In "Desperate" vermitteln die düsteren Gitarrenwände in Verbindung mit Longobardis astreinem Schlagzeugspiel ein Gefühl bedrückender Unrast. Letzterer läuft auf Albumlänge mehrmals zur Höchstform auf. Exemplarisch dafür sind die Breaks auf "Atheists and foxholes", die die Drums im Alleingang vorpreschen lassen. In "No guilt" setzen sich die bretternden Melodycore-Gitarren sofort im Gehörgang fest. "Stale smoke" ist dagegen ein Banger ohne Schnörkel. Ein weiteres Highlight haben sich die Vier bis zum Schluss aufgehoben. "No man borne evil" überrascht erneut mit hellen Postrock-Gitarren. Zudem hat man sich Jeffrey Eaton von Modern Life Is War als Gastvokalist eingeladen - und der zeigt, dass in ihm ein äußerst charismatischer Sänger steckt. In der entsprechenden Bridge tönt er ähnlich wie Rise Againsts Tim McIlrath. Die unerfreuliche Kreativpause haben Defeater in jedem Fall optimal genutzt und veröffentlichen mit "Defeater" das bisher beste Album ihrer Karriere. Zum eingeschlagenen Weg kann man die Band perspektivisch gesehen nur beglückwünschen.

(Katharina Bruckschwaiger)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Mothers' sons
  • No guilt
  • No man born evil

Tracklist

  1. The worst of fates
  2. List & heel
  3. Atheists and foxholes
  4. Mothers' sons
  5. Desperate
  6. All roads
  7. Stale smoke
  8. Dealer / debtor
  9. No guilt
  10. Hourglass
  11. No man born evil
Gesamtspielzeit: 34:56 min

Im Forum kommentieren

Affengitarre

2019-05-18 12:37:31

Die Review liest sich super und macht auf alle Fälle Lust auf mehr, aber 7/10 für das beste Defeateralbum scheint mir doch sehr wenig zu sein. Das Narrativ scheint hier aber auch in den Hintergrund gerückt sein, oder? Alben wie "Travels" und "Empty Days.." gewannen bei mir schon noch viel durch die Texte und die zusammenhängende Geschichte.

cargo

2019-05-18 11:23:10

Die Platte ist tatsächlich ziemlich stark geworden. Überrascht mich dann doch etwas nach dem Weggang des Gitarristen. Sehr abwechslungreiches und komplexes Songwriting.

Katharina

2019-05-18 10:09:32

Kann dem vorherigen Post nur zustimmen. Der Dödel war nämlich ich. Man möge mir verzeihen.

LG und Kuss an alle

Anonym über Leute zu lästern

2019-05-17 23:58:23

ach Martin, jetzt wein doch nicht, du warst doch gar nicht der Dödel, der es verbockt hat

MartinS

2019-05-17 19:34:05

Anonym über Leute zu lästern, die in ihrer Freizeit hier Texte schreiben zeugt schon von Klasse. Zumal Archambault ja nun wirklich einer ist, der stimmlich nicht unbedingt eindimensional unterwegs ist.

Ob's gleich das beste Album der Bandgeschichte ist, muss sich erst noch zeigen, weil Empty days & sleepless nights" erst mal erreicht werden will.
Aber ja, ich hör das Album auch bei einer 8, weil es ein großartiger Neuanfang ist und sich jedes Mal neue Highlights auftun.

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