Vampire Weekend - Father of the bride

Spring Snow / Columbia / Sony
VÖ: 03.05.2019
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Federschwer

Nichts ist so beständig wie der Wandel oder abgedroschene Rezensionseinstiege. Das gilt auch, wenn man bei Plattentests.de die neue Vampire Weekend besprechen muss oder wenn man Ezra Koenig heißt und Kopf ebendieser Band ist. Die schufen sich bereits mit dem Debüt "Vampire Weekend" einen unverkennbaren Sound zwischen afrikanischer Exotik und fruchtigem Kammerpop, der auf "Modern vampires of the city" seinen Höhepunkt in Qualität und Formvollendung fand. Wohin nun? Für Rostam Batmanglij hieß das: raus als festes Mitglied, Konzentration auf das Soloschaffen. Für Koenig hieß das: Zweifel, ob es die Band in der Form noch braucht. Dass es ihr viertes Album "Father of the bride" nach einem Abstand von ziemlich genau sechs Jahren überhaupt gibt, ist also keine Selbstverständlichkeit. Dass es von weit über 20 auf nun ganze 18 Songs eingedampft werden musste, sogar überraschend. Zwänge sind der Band jedoch spürbar fremd.

Mit "Modern vampires of the city" unterhält die Platte dementsprechend eine ambivalente Beziehung. In mancher Hinsicht führt es dessen Ansätze nicht nur fort, es spiegelt sie regelrecht. Die außenliegenden Stücke sind beispielsweise fast kongruent modelliert. "Hold you now" duettiert mit Danielle Haim zum Klackern der Akustikgitarre im Lo-Fi-Gewand über den Morgen nach dem Streit, "Jerusalem, New York, Berlin" beschließt den Songreigen wie damals "Young lion" auf einer besonnenen Note. Vampire Weekend erledigen derweil wie selbstverständlich ihre Hausaufgaben mit einem astreinen schwärmerischen Sommerhit namens "Harmony hall", zu dem man sich glatt nackt auf der Blumenwiese wälzen will. Vorausgesetzt, dass Existentialitäten wie "I don't wanna live like this / But I don't wanna die" nicht stören. "This life" irritiert höchstens durch das abrupte Fadeout, wärmt sonst aber ebenfalls wunderbar das Gemüt.

Aus einer anderen Perspektive lehnt "Father of the bride" jedoch die disziplinierte Struktur seines Vorgängers ab. Verlangte dort der Tod als wiederkehrendes Thema Ernsthaftigkeit und Stringenz, blüht hier das Leben mit all seinen Flausen. Viele Stücke dauern nicht mal zwei Minuten, und kurz vor Ende erhöhen Vampire Weekend in "We belong together" und "Stranger" die Zuckerdosis der Melodien so sehr, dass man kurzzeitig Fingerkribbeln bekommt. Davor stehen das niedliche, wunderbare "2021" oder das quirlige, von The Internets Steve Lacy an der Gitarre veredelte "Sunflower" – der sich hier dafür bedanken kann, aufgrund von "A-punk" zum Instrument gekommen zu sein. Stilistisch waren Vampire Weekend noch nie so breit aufgestellt: Von den wechselnden Duettpartnerinnen angefangen über die gefühlsselige Hoppelei in "Married in a gold rush" und das zerfahrene Animal-Collective-Outtake "My mistake" zum durchgeknallten, aber ungemein spaßigen Pistolero-Western "Sympathy". Alles ist möglich und passt nur auf den ersten Blick manchmal nicht zueinander.

Da ist es nur konsequent, dass Koenig & Co. so referenzbeladen wie nie zuvor zu Werke gehen. Shoutouts an Lil Jon oder Modest Mouse genügen längst nicht mehr, auf "Father of the bride" – selbst benannt nach einer Sitcom mit Steve Martin – rauschen die Anspielungen auf Songs, Literatur, Filme und das Leben im Affenzahn durch. "This life" bringt Albert Hammond und iLoveMakonnen in einen Kontext, bei "Sympathy" klingt "Long train runnin'" von The Doobie Brothers durch, und hätte Bon Iver vor "22, a million" zu viele Sambarhythmen gehört, käme sowas wie das großartige "Flower moon" bei raus. Nichts ist jedoch schöner als die Retourkutsche für einen Artikel von The New Republic mit dem unfassbaren Titel "Why 'indie' music is so unbearably white", der wiederum auf ein ähnliches Sentiment von Pitchfork Bezug nimmt. Koenig zerlegt den Ansatz in "Unbearably white" unglaublich charmant entwaffnend, ohne sie beim Namen zu nennen. "The snow on the peaks was just unbearably white." Ehrensache, dass es einer der besten Songs der Band überhaupt ist.

"Father of the bride" ist bei aller akustischen Leichtfüßigkeit in seiner Gesamtheit ein Brocken, keine Frage. Haken werden geschlagen, Texte wollen entschlüsselt werden, und der lockere Songwriting-Ansatz mag zunächst wie eine lasche Qualitätskontrolle wirken. Die Erkenntnis, dass Vampire Weekend nur einmal mehr schlauer als man selbst waren und bereits grinsend an der nächsten Ecke stehen, reift jedoch langsam, aber unausweichlich. Die Nähte des Flickenteppichs verschwimmen, die Brüche im Ablauf gehen in Fleisch und Blut über, Begeisterung stellt sich ein. Vielleicht das anstrengendste und zugleich fluffigste Album, das man seit langem gehört hat. Wie schwer ist noch mal ein Kilo Federn?

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Harmony hall
  • Unbearably white
  • Flower moon
  • 2021

Tracklist

  1. Hold you now
  2. Harmony hall
  3. Bambina
  4. This life
  5. Big blue
  6. How long
  7. Unbearably white
  8. Rich man
  9. Married in a gold rush
  10. My mistake
  11. Sympathy
  12. Sunflower
  13. Flower moon
  14. 2021
  15. We belong together
  16. Stranger
  17. Spring snow
  18. Jerusalem, New York, Berlin
Gesamtspielzeit: 58:03 min

Im Forum kommentieren

Felix H

2020-02-29 21:02:12- Newsbeitrag

Die Japan-Bonustracks gibt es nun auf YouTube:





MAXIMAN

2019-10-08 10:29:24

Modern Vampires bei mir auch ne 10.

Enrico Palazzo

2019-10-08 09:18:03

Sehe ich ähnlich wie Maximan - die erste Hälfte ist bei mir fast durchgehend eine 10/10, dann hängt das Album teilweise ganz schön bei 2,3 Songs. Und hinten raus find ich es wieder super! Insgesamt gehe ich auf eine sehr gut 7/10, vielleicht auch ne schwache 8/10. Mal gucken.

Modern Vampires of the City hingegen 10/10, wohl mein liebstes Album der letzten 10 Jahre.

MAXIMAN

2019-10-08 08:27:16

Solide 7/10, die zweite Hälfte fällt doch sehr ab und wird konfus.

Mr. Fritte

2019-10-07 16:50:12

Bin mit dem Album leider nicht warm geworden. Einige Songs sind schon gut, andere aber auch ziemlich anstrengend. Der ganze Sound ist auch nicht so richtig meins, anders als beim Vorgänger.

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