Die Regierung - Was

Staatsakt / Caroline / Universal
VÖ: 22.03.2019
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

War

"Supermüll", "So allein", "So drauf", "Unten", "Raus" – die Titel von Die Regierung waren von jeher mit einer doch recht charmanten Schmallippigkeit gesegnet. "Was" setzt da noch einen drauf und macht dabei doch alles anders, denn die Frage, die sich nach dem Hören des sechsten Studioalbums der Truppe um Tilman Rossmy stellt, lautet unerwarteterweise: Soll man das nun deutsch oder englisch aussprechen? Nicht etwa, weil Die Regierung nun nicht mehr in ihrer Muttersprache texten, sondern weil man hier ein autobiografisches Album auf den Ohren hat, das sich eine Dreiviertelstunde durch vergangene Erlebnisse schlängelt.

Es ist immer so eine Sache, wenn unweigerlich alternde Künstler ihr Werk Revue passieren lassen, aber das ist hier mitnichten der Fall. Stattdessen schildert Rossmy meist unaufdringlich und mithin fast lapidar persönlichste Erfahrungen. Da berichtet er beispielsweise in "Geschichte", wie böse Geister von ihm Besitz ergreifen – ein wiederkehrendes Motiv der Platte – und er schließlich als 19-Jähriger in der Psychiatrie landet. Auf der Auffahrt des Klinikums begibt er sich ins Zwiegespräch mit seinen Dämonen: "Da sagten sie zu mir: 'Du bist jetzt für immer verloren, wir geben Dich jetzt auf.' / Und dann hab' ich nie wieder von ihnen gehört." Depression und Rekonvaleszenz in a nutshell von 1:58 Minuten. Ein großartiger Song, der lebendig aufzeichnet, ohne überdramatisch zu werden, weil er genau wie die sanfte Instrumentierung das Happy End schon erahnt. Dass auf den freudvollen Opener "Regen" mit seiner fast schon funkigen Gitarre ein so bedrückendes Thema angeschnitten wird, zeigt dabei die Bandbreite, innerhalb der "Was" agiert.

Nah am Herzen sind die Songs jedenfalls alle, "Schönes Paar" vielleicht sogar besonders. Das Stück fasst eine Beziehung, deren Beginn, Verlauf und Ende in dreieinhalb Minuten zusammen und gipfelt darin, wie Rossmy vier Wochen vor der Geburt der gemeinsamen Tochter verlassen wird. Wie das Leben eben manchmal so spielt – dennoch trägt der Track keinen Groll in sich, sondern ist mit einer Spur Weisheit ausgestattet, die nur in der Rückschau möglich ist. Wie hier die finsteren Synthies den flotten Rhythmus umgarnen, macht ungeheuer Spaß, genauso wie das smoothe Picking der Elektrischen in den Strophen. In "Vielleicht in Hamburg" zeichnet der Sänger seinen Weg in die Hansestadt und seine damit verknüpften Hoffnungen nach. Musikalisch kann man hier an The Velvet Underground denken. Allgemein sind die Instrumentierungen auf "Was" deutlich in sich gekehrter und bedeckter als noch auf dem Vorgänger "Raus", klingen weniger nach Hamburger-Schule-Veteranen als vielmehr nach den Bands, die Rossmy und Co. wohl zu den Zeiten der zwölf Geschichten des Albums gehört haben. "Was gut für mich ist" erinnert beispielsweise an Ton Steine Scherben, wenn man mal die Synthies außen vor lässt, in "Zeit" gemahnt vor allem der Gesang definitiv an Rio Reiser. Andersherum könnte "Was Besseres" von der Melodieführung her aber auch einen prima Kettcar-Song abgeben.

Ganz zum Schluss begibt sich das Album doch einmal ins Jetzt: "Alter Hase" handelt davon, vergangene Fehler nicht zu wiederholen und schreibt einen Satz in die Gebrauchsanweisung des Lebens: "Wenn Du dann ganz tief unten bist, dann sorgst Du schon ganz gut für Dich / Doch Du musst lernen, auf Dich aufzupassen, wenn's Dir gut geht." Das Zitat umfasst die letzten beiden Sätze von "Was" und bringt die Platte dabei wunderbar auf den Punkt: Sie formuliert Erlerntes aus, schaut zurück auf Höhen und Tiefen, lässt sich aber kaum noch davon beeindrucken, wie schnell der Wind manchmal dreht. Wenn man gelebt hat, sollte man das Erlebte auch in Worte fassen und das machen Die Regierung hier in einer durchweg angenehmen Manier, die niemals prahlt oder jammert, sondern stattdessen einfach und unumwunden erzählt, "Was" war.

(Pascal Bremmer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Geschichte
  • Vielleicht in Hamburg
  • Schönes Paar

Tracklist

  1. Regen
  2. Geschichte
  3. Jedes Kind
  4. Was gut für mich ist
  5. Was Besseres
  6. Vielleicht in Hamburg
  7. Besessen
  8. Schönes Paar
  9. Mörder
  10. Zeit
  11. Zurück in die Welt
  12. Alter Hase
Gesamtspielzeit: 46:45 min

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Armin

2019-03-14 20:19:05- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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