Jenny Lewis - On the line

Warner
VÖ: 22.03.2019
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Die Whiskey-Therapie

Auf dem Cover ihres letzten Albums "The voyager" von 2014 präsentierte sich Jenny Lewis in einem farbenfrohen Blazer, das rote Haar über eine Schulter geschwungen. Der gewählte Bildausschnitt zeigt nur den Torso der Amerikanerin. 2019, auf dem Cover ihres neuen Albums "On the line", wählt sie den selben Bildausschnitt, trägt allerdings ein aufreizendes, blaues Kleid mit tiefem Dekolleté, das Haar hängt diesmal über beide Schultern. Die unterschiedlichen Darstellungen bieten selbstverständlich viel Interpretationsraum, und tatsächlich kann man zwischen den Covern und musikalischen und lyrischen Themen einige Analogien aufstellen.

Das tiefe Dekolleté, gedeutet als Mehr-Haut-Zeigen, übersetzt sich in den Stücken in einen Seelenstriptease. Lewis hat immer, auch zu Rilo-Kiley-Zeiten, persönliche Geschichten in ihren Songs erzählt, aber wie sie hier von ihrer Beziehung zu Drogen berichtet, häufig in Kombination mit Sex, ist eindrucksvoll. Schon im Opener "Heads gonna roll" lässt sie verlauten: "We're gonna drink until they close / And maybe a little bit of hooking up / Is good for the soul." Sex und Alkohol als Universal-Pflaster für die Seele, sozusagen. Die selbe Mischung soll in "Red Bull & Hennessy" eine in die Brüche gehende Beziehung retten. Lewis erinnert in dem Stück mehr denn ja an Stevie Nicks, der Song klingt wie eine Hommage an Fleetwood Macs "Dreams". "I'm wired on Red Bull & Hennessy / Higher than you / I'm on fire / Come on and get next to me", singt sie, und wenn der Track am Ende den Eindruck erweckt, als würde die Platte einen Sprung haben, kann man sich seinen Teil denken.

Die Farbe Blau des Kleides lässt sich dann unschwer als Farbe der Trauer deuten. Lewis hat den Blues. Im wunderbar melancholischen "Dogwood", getragen von schweren Piano-Akkorden, sind die oben erwähnten Dinge Mittel der Wahl, um mit dem eigenen Schicksal umzugehen: "You cannot choose your family, oh / There's nothing we can do / But screw / And booze and amphetamines, oh." Lewis gibt sich auf der Platte als reuevolle Sünderin, die versucht, mit ihrer Vergangenheit klar Schiff zu machen. Im kurzweiligen "Wasted youth" spendiert sie der Erkenntnis, ihre Jugend verschwendet zu haben, einen erstaunlich optimistischen "Doo-bi-doo"-Refrain.

Dass sie die Haare diesmal über beiden Schultern trägt und damit eben nicht einseitig, verknüpft der Rezensent etwas ungelenk mit der Tatsache, dass das Album recht vielseitig daher kommt. Langsame Country-Balladen ("Hollywood lawn") stehen neben launigem Blues-Rock ("Little white dove") und kurzen Ausflügen in Pop-Gefilde ("Do si do"), in denen Lewis sowohl Folk-Sängerinnen wie Laura Marling, als auch den Westcoast-Pop von LP beschwört. Zusammengehalten wird all das von Lewis' Gespür für eindringliche Refrains und spannende Erzählungen. Die abwechslungsreiche Instrumentierung und lupenreine Produktion machen das Album dann zu einem wahren Ereignis. Dazu gesellen sich Gäste wie Beck, Ringo Starr und auch der unter schlimmem Verdacht stehende Ryan Adams, deren Beiträge allerdings kaum wahrnehmbar sind. Wenn die Melancholie sich auf den Hörer übertragen sollte: Einfach einen Schluck Whiskey hinterher, der hilft, laut Lewis, eigentlich immer.

(Simon Conrads)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Heads gonna roll
  • Dogwood
  • Do si do

Tracklist

  1. Heads gonna roll
  2. Wasted youth
  3. Red Bull & Hennessy
  4. Hollywood lawn
  5. Do si do
  6. Dogwood
  7. Party clown
  8. Little white dove
  9. Taffy
  10. On the line
  11. Rabbit hole
Gesamtspielzeit: 47:14 min

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Armin

2019-03-14 20:13:32- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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