Jessica Pratt - Quiet signs

City Slang / Mexican Summer / Rough Trade
VÖ: 08.02.2019
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Get ur freak in

Eine lästige, aber wohl nicht vermeidbare Angewohnheit der Musikrezeption ist es, dem Problem von nicht in Schubladen passenden Kunstschaffenden damit beizukommen, extra Schubladen für ebenjene Inkompatibilität zu erfinden. Das Label "Freak-Folk" fällt in diese Kategorie, meint alles, was irgendwie Folk und irgendwie auch kein Folk ist, und geht davon aus, dass damit alle bestimmt was anfangen können. Jessica Pratt wurde dieser Stempel von Anfang an aufgedrückt. "Technisch" stimmt er zwar – schließlich macht sie irgendwie Folk und irgendwie auch nicht –, doch laufen die damit einhergehenden Assoziationen ganz schön ins Leere. Seit jeher schreibt Pratt introvertierte und gänzlich unfreakige Songs ohne Hooks und fast nur mit Akustikgitarre, die wie geruchlose Rauchschwaden unbemerkt in der Luft zu verziehen drohen. Daran ändert auch nichts, dass die Kalifornierin für ihr drittes Album "Quiet signs" zum ersten Mal ein richtiges Studio gebucht hat und zumindest ein Mini-Bisschen ambitionierter als zuvor zu Werke geht. Doch auch die ungewohnten, etwa an Erik Satie erinnernden Piano-Zirkulationen der Ouvertüre "Opening night" verhallen so flüchtig wie deren wortloser Gesang.

"Quiet signs" fordert viel Aufmerksamkeit ein, doch wenn es diese bekommt, nimmt es den Raum plötzlich ein, anstatt sich in ihm zu verlaufen. Pratt sucht als Songwriterin nicht nach memorablen Momenten oder tiefgehenden Weisheiten, sondern erzeugt eine konstant narkotische Atmosphäre. "As the world turns" ist so ein ganz typischer Song von ihr, hypnotisch und so konsequent aus der Zeit gefallen, dass die mäandernd gezupfte Gitarre schon fast mittelalterlich klingt. Mehr in einer Art Akustik-Jazz als im Folk verhaftet, verwebt die Bardin immer wieder mikroskopische Variationen in ihre Gesangsmelodien und setzt damit einen subtilen Konterpunkt zur Gleichförmigkeit der Arrangements. Pratts eigenartige Stimme – als Referenzen wären etwa Joanna Newsom oder Stina Nordenstam nach ein paar Schlücken Whiskey zu nennen – bekommt ihren größten Auftritt im Sixties-Bar-Pop von "Poly blue", in dem sie zuvor nur angedeutete Höhen ansteuert. Instrumental bricht wiederum das grandiose, schon fast Nick Drake evozierende "Fare thee well" heraus, das ein paar dezente Orgeln einbaut und mit einem astreinen Flöten-Solo endet.

Es ist faszinierend, wie sich das Doppel von "Crossing" und "Silent song" gegenseitig abstößt und wieder anzieht und Pratt ihre Melodien dabei wie auf dem Bierdeckel balanciert – mehr Rückzug wäre schon Verschwinden. Doch "Quiet signs" weiß um die fehlende Dynamik eines solch extremen Minimalismus auf Albumlänge und hat deshalb auch seine griffigeren, konventionell poppigeren Stücke. Die Siebziger-Soul-Verbeugung "Here my love" etwa, oder das abschließende "Aeroplane" mit seinem Tambourin und den kaum wahrnehmbaren Synthies. Am stärksten hebt sich hier "This time around" hervor, nicht nur der beste und im Songwriting am meisten ausgefeilte Song der Platte, sondern auch der mit dem direktesten emotionalen Zugriff. Auf einem Album, das passend zu seiner Musik auch textlich fast nur aus abstrakten Bildern besteht, sticht Pratt mit ihrem sezierten Leiden samt "It makes me want to cry", unerwartet offen ins Herz. Den Kritikern, die diese sehr spezielle Art von Musik zweifelsfrei an Land zieht, wird das wohl nicht reichen – wer PJ Harveys "White chalk"-Album nicht mochte, wird Jessica Pratt regelrecht hassen. Doch wer ihr eine faire Chance geben will, wird mit einer knappen halben Stunde intimer Singer-Songwriter-Mystik belohnt und darf sich schon mal einen neuen, passenderen Schubladenbegriff dafür überlegen. Ist das schon Anti-Freak-Folk?

(Marvin Tyczkowski)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Fare thee well
  • This time around

Tracklist

  1. Opening night
  2. As the world turns
  3. Fare thee well
  4. Here my love
  5. Poly blue
  6. This time around
  7. Crossing
  8. Silent song
  9. Aeroplane
Gesamtspielzeit: 27:48 min

Im Forum kommentieren

Öder Powervoter

2019-02-09 12:26:34

Quasi meine Lena-Meyer.

Arbeiter

2019-02-09 12:19:16

Sehr schön. Mir gefällt es.

Armin

2019-02-07 20:25:31- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Forum