Die Goldenen Zitronen - More than a feeling

Buback / Indigo
VÖ: 08.02.2019
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Kater Komben

War's das mit der Emphase? Fragte sich mancher bang nach dem sonderbaren Zwitter-Album "Flogging a dead frog", das ausschließlich instrumentale und englischsprachige Versionen von Songs aus dem Backkatalog der Goldenen Zitronen enthielt – und sich als so zwiespältig und uninteressant erwies, dass Plattentests.de von einer Rezension absah. Aber letzten Endes handelte es sich nur ein großes Luftholen im Vorfeld von G20-Debakel, Pro-Chemnitz-Schwachsinn nebst politischen Folgen und Schlimmerem. Wenn Hans-Georg Maaßen beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken kann und sich Christian Lindner fragt, wer beim Bäcker vor ihm in der Schlange steht, sind Schorsch Kamerun, Ted Gaier und Kollegen nun mal nicht weit. Angst essen Brötchen auf – kommt gar nicht in die Tüte bei Deutschlands bester Punkband, die im Grunde gar keine ist.

Schließlich gab Kamerun bereits zu Protokoll: "Heute Punker zu sein, wäre völlig lächerlich." Nicht, dass er das auf dem 13. Album von Die Goldenen Zitronen gesondert betonen müsste: Der Titel zitiert eine AOR-Schmonzette von Boston, und die Vorabsingle "Nützliche Katastrophen" ist ein swingender Popsong, der sich zwischen Ohlalala, fideler Basslinie und vorwitzigen Synthies hindurchquetscht, während Jens Rachut im Video Caspar David Friedrichs "Der Wanderer über dem Nebelmeer" nachstellt. Kann man so machen, zumal der spukig-exaltierte Synthie-Klopfer "Katakombe" und die krakeelende Funk-Frickelei "Gebt doch einfach zu, Euch fällt sonst nichts mehr ein" eingangs erst mal Fremdenfeindlichkeit und nationale Abschottung auf den Tisch bringen. Hier ist auch soziale Kälte "More than a feeling". Bloß weil sie frieren, ist noch lang nicht Winter.

Rock oder gar Punk sind dabei so gut wie gar kein Thema mehr, sieht man von ein paar rütteligen Skizzen wie dem mehrstimmigen "Heimsuchung" oder "20x20" ab – Stücke, die Neonazitum und Werber-Worthülsen wie beiläufig an die Wand nageln. Und so sehr "More than a feeling" gegen die wieder salonfähige Idee des Mauerbauens anmeckert, umso weniger kümmern sich die Hamburger um stilistische Grenzen. "In der Schleife" arbeitet sich an Trap-Splittern und gezielt ungelenken Reimen der Marke "Lieber tanz ich als G20" oder "Hat meine Gewaltmonopolfrage etwa eine Alkoholfahne?" ab, "Bleib bei mir" im Duett mit Sophia Kennedy könnte sogar eine desorientierte Kitschballade sein – würde sich das Ganze nicht als Klagelied einer verlogenen Partnerschaft herausstellen, in der beide einander verdienen. Aber der Silbermond? Dem könnte nichts egaler sein.

Nach wie vor fängt also niemand persönliche, gesellschaftliche und politische Katerstimmung so treffend und musikalisch versiert ein wie Die Goldenen Zitronen. Sei es bei den trockenen Beats von "Es nervt", zu denen Schwabinggrad-Ballett-Sängerin Latoya Manly-Spain die Nase über unerwünschte Kumpeleien rümpft, oder in "Das war unsere BRD", das Deutschland in den Grenzen vor 1990 mit Roboterstimme endlagert. Die G20-Unruhen hebt sich die Band bis zum Ende auf – und inszeniert "Die alte Kaufmannsstadt, Juli 2017" als Chronik eines angekündigten Aufstands, der zu Olaf Scholz' Verblüffung allmählich aus wavigem Analog-Geblubber hervorbricht. Und so endet dieses Album, wie es begann: elektronisch, bedrohlich, mit kaltem Blick auf die unwirtliche Realität. Vielleicht das größte Kompliment, das man einer Punk-Platte noch machen kann.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Katakombe
  • Es nervt
  • Das war unsere BRD
  • Die alte Kaufmannsstadt, Juli 2017

Tracklist

  1. Katakombe
  2. Gebt doch endlich zu, Euch fällt sonst nichts mehr ein
  3. Nützliche Katastrophen
  4. Heimsuchung
  5. Bleib bei mir
  6. Es nervt
  7. 20x20
  8. Das war unsere BRD
  9. In der Schleife
  10. Mauern bauen (Testweise)
  11. Die alte Kaufmannsstadt, Juli 2017
Gesamtspielzeit: 41:44 min

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slowmo

2019-02-17 16:57:27

Mit Alben wie "Das bisschen Totschlag", "Economy Class", "Schafott zum Fahrstuhl" und "Lenin" sowie mit leichten Abstrichen noch "Die Entstehung der Nacht" haben die Zitronen einige richtig große Platten rausgebracht und sich dabei klar abgegrenzt von den ganzen unzähligen, austauschbaren, zur Karikatur von sich selbst verkommenden, völlig ideallosen deutssprachigen Säufer- und Funpunkbands ohne dabei sich der breiten Masse und dem hiesigen Musikunterhalungsbusiness gefügig zu machen. Nach "Lenin" (was für mich mit seiner vernichtend lethargischen Kapitulationsstimmung perfekt den Zahn der Zeit getroffen hatte und ein viel zu unterschätzter Meilenstein der deutschsprachigen Popkultur ist), gab es allerdings kaum noch eine Weiterentwicklung. Dabei sind gerade die Zitronen eine Band die man heute mehr bräuchte als denn je. Die neue Platte ist ganz Ok, lyrisch auf gewohnt hohem Niveau und enthält ein paar ganz gute Songs. Man bekommt halt jedoch eben nur das vorgesetzt, was man auch schon auf den letzten Alben gehört hat. Nur eben halt mit neuen Texten überarbeitet und bei soviel Stoff den die aktuelle Zeit liefert, hätte ich mir auch gerade da einfach mehr erhofft.
Was hat man doch einst die Musikwelt auf den Kopf gestellt und wo ist das ganz dicke und radikale Fuck You mit Ausrufezeichen hin? Die Zitronen sind wohl leider auch langsam alt geworden und haben es sich ein Stück zu bequem in ihrer Blase gemacht. Schade! Von der Attitüde her gibt es leider nicht viele die so sind und sich da so deutlich äußern.

Wuschel

2019-02-11 19:39:12

Komisch. Warum war das eben gesperrt ? Hm.

Wuschel

2019-02-11 19:38:36

Test
Hardcore

Wuschel

2019-02-11 19:38:07

Feinster deutscher Funpunk. Wie Die Ärzte zu besten Moskito-Zeiten. Immer dann besonders geil, wenn sie Ami-HC-Punk a la Blink 182 einstreuen.

@Klärchen (aus dem Ballhaus)

2019-02-11 17:53:10

Ne, eher das innovativste was deutsche Musik zu bieten hat. Richtig schön düster geworden die neue Platte.
Schon krass, wie man es nach so langer Karriere schafft, nicht langweilig zu werden.

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