Mass Gothic - I've tortured you long enough

Sub Pop / Cargo
VÖ: 31.08.2018
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Die Wahl der Qual

Kein Geschwätz an dieser Stelle vom "schwierigen zweiten Album". Schließlich klang ja schon Mass Gothics selbstbetitelte erste Platte zu einem nicht unwesentlichen Teil nach einer schweren, wenn auch lohnenswerten Geburt. "I've tortured you long enough" geht mit programmatischem Titel den Weg noch ein ganzes Stück weiter, klingen die neun neuen Stücke doch noch unnachgiebiger und kompromissloser. Soll heißen: Schöne Melodien, die wie kostbare Blüten inmitten eines unwirtlichen Dornengestrüpps aus Krach und Lautstärke erwachsen. Wer sich hier also einen bunten Strauß zusammenstellen will, darf sich nicht über blutige Fingerkuppen wundern. Nichtsdestotrotz ist auch diese Platte freilich eine Erkundung wert, man sollte sich nur eben auf Kratzer und Co. gefasst machen.

Der Opener "Dark window" kommt knarzend aus dem Quark, die Gitarren dröhnen verzerrt und gefallen sich selbst in ihrem Industrial-Outfit, die Stimmen der Eheleute Jessica Zambri und Noel Heroux kreisen umeinander, hallen durch den Raum, steigen in die Höhe, deuten den Fall an. Der schwermütige und -fällige Indie-Rock von Mass Gothic klingt hier und heute noch voller. Voller Verzweiflung, voller Düsternis. Kein Wunder, soll dieses Projekt Heroux doch aus dem Burnout-Käfig befreien. Entsprechend geht das Duo auch zu Werke, Ellenbogen raus und ab dafür. Auch das folgende "Call me" sucht sein Wohl in der Attacke, stoisch kloppt der Rhythmus, Noise legt sich über die angedeutete Melodie. Niemand hat behauptet, dass dieses Album ein Kinderspiel sein würde.

Den Höhepunkt stellt die formidable Vorab-Single "J.Z.O.K." dar: Wieder bringen die hartgekochten Gitarren jeden Verstärker zum Rauchen, doch die Harmoniegesänge von Zambri und Heroux legen sich wie ein süßer Schleier über die dringlichen Arrangements. Hier verbinden Mass Gothic Licht und Schatten und schaffen ein hochspannendes Vexierbild. "Keep on dying" zieht dann mit alerten 80s-Synthies in den Kampf, stampft unaufhörlich voran und erinnert ein wenig an die Wave-Ausflüge der Editors. Spätestens hier könnte dann auch ein wenig das Gefühl aufkommen, Mass Gothic haben soundästhetisch den roten Faden verloren, vermutlich hatten die New Yorker einen solchen aber gar nie in der Hand. Sei's drum.

Mass Gothic suchen in ihren Songs viel mehr die Hoffnung und finden diese zumeist im Gegenüber. Der kreative Input Zambris ist folglich deutlich höher als noch auf dem fiebrigen Debüt von 2016. Die dunklen und die hellen Momente halten sich die Waage, sind noch intensiver als zuvor. Ihre Kompositionen sind unberechenbar und vor allem dadurch so reizvoll – nie weiß man, in welche Richtung sich ein Song entwickeln wird, welche Finte das Duo nun schon wieder ausheckt. Entsprechend auf Trab halten einen intensive Nummern wie "New work": Krach und Melodieseligkeit gehen eine zartbittere Liaison ein, die wahlweise mit dem Tod oder der Hochzeit endet. Mehr dazu erfahren wir dann sicherlich auf dem dritten Album.

(Kevin Holtmann)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • J.Z.O.K.
  • New work

Tracklist

  1. Dark window
  2. Call me
  3. J.Z.O.K.
  4. Keep on dying
  5. How I love you
  6. I've tortured you long enough
  7. New work
  8. The goad
  9. Big window
Gesamtspielzeit: 39:41 min

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MasterOfDisaster69

2018-08-13 16:16:04

Also Dark Window gefaellt
https://www.youtube.com/watch?v=6d5CY-dD460

mit der lt. Rezension "formidablen Vorab-Single "J.Z.O.K." kann ich nicht soviel anfangen. Mal schauen...

Armin

2018-08-12 21:44:05- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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