Glassjaw - Material control

Century Media / Sony
VÖ: 01.12.2017
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Das Spiel ist aus

Was lange währt, wird endlich gut – oder im Falle von Glassjaw eher: Was lange lärmt, klingt immer noch fantastisch. Nach 15 Jahren Album-Abstinenz, die lediglich mit Hilfe diverser Singles und EPs überbrückt wurden, liefern die New Yorker wieder. Und wie! "Material control" ist hart, in jeglicher Ausrichtung extrem und in seiner ganzen schillernd-scheppernden Ausdrucksweise einzigartig. Hier geht es nicht um Metal, Prog oder irgendeine Erscheinung von Post-Hardcore – Glassjaw bewegen sich abseits aller gängigen Konventionen und bespielen ihr ganz eigenes Sound-Biotop.

Und dieses ist nicht unbedingt eine Umgebung für zarte Pflänzchen, denn diese könnten bei dem hier gebotenen ohrenbetäubenden Verkehrsunfall ganz schnell unter die Räder kommen. Dieses schwarze Loch aus Materie und Antimaterie ist ein derart verdichteter Monolith an Sound, dass alles zuvor Veröffentlichte des Quartetts trotz unbestreitbarer Qualität gegen die hier entfesselte Supernova verblasst. Verzichten müssen Fans jetzt allerdings auf Hits wie "Cosmopolitan blood loss", "Ape dos mil" oder "Ry Ry's song", die trotz ihrer Härte auch immer einen gewissen Sing-Along-Appeal mitbrachten. 2017 gehen Glassjaw wesentlich radikaler zu Werke. So werden Beobachter schon bei der Eröffnungs-Attacke "New white extremity" in einen Mahlstrom aus Double-Bass im XXL-Format, Gitarren-Feedback-Hinterhalten und oraler Disruption gezerrt. Und finden sich in einem scheinbar undurchdringlichen Knäuel aus Verzweiflung, Wut und Wall of Wehmut eingekeilt. Dazwischen windet sich Sänger Daryl Palumbo wie ein wahnsinniger Wanderprediger und führt die entfesselten Sound-Eruptionen geradewegs in eine Twilight Zone aus Manie und Melodram. Denn es gibt sie nach wie vor, die Gesangsmelodien. Nur haben sich diese hinter einem schier unüberwindlichen Bollwerk aus Nato-Stacheldraht verschanzt.

Schwer vorstellbar, dass es keine sechs Monate her ist, dass der Mann mit Color Film ein vergleichsweise anwenderfreundliches Gastspiel gab. Das Spiel ist aus. Glassjaw liefern eine soundtechnische Kraftprobe, die Angstschweiß aus den Poren stemmt. "Material control" muss als Gesamtkunstwerk betrachtet werden. Eine Ausdrucksform, die keinen langen Anlauf benötigt, um ihre Wirkungskraft zu entwickeln, sondern aus dem Stand die Höchstmarke reißt. "Shira" beispielsweise will mit der Brechstange zum Ziel und rammt ebendiese mitten ins Zwerchfell des Hörers, um dem nach Luft japsenden im Anschluss als diplomatische Entschuldigung ein paar Harmonien unter die sich windenden Eingeweide zu streicheln. Unfassbar, wie Palumbos Search-and-destroy-Trupp hier Härte und Harmonie zu einer funktionierenden Einheit verschmilzt. Glassjaw züchten eine fürchterlich schöne und abstoßende Kreatur heran, die man zu gleichen Teilen umarmen und fürchten muss.

In "11 days, 11 nights" fallen Sänger und Restinstrumente erbarmungslos übereinander her und trollen sich anschließend mit schweren Frakturen vom Schlachtfeld. Und an "Golgotha" mit seinen schaurig-schönen Background-Chören hätten auch Converge Ihren Spaß. Erstaunlicherweise verspricht gerade die "Pretty hell" mit ihren Dubstep-anmutenden Delay-Akkorden und verloren tropfenden Hi-Hat-Hüpfern kurze Linderung, ehe "Bastille day" den Gemarterten mit fernöstlich anmutender Perkussion erst langsam, dann immer schneller zum nächsten Höllentor lockt. "Closer" ist im Kern eine wunderbare Melodie, die allerdings von einem Pitbull-Rudel bis zum Kollaps gehetzt wird. Einzig "My conscience weighs a ton" wagt den etwas melodielastigeren Befreiungsversuch. Die Frage, warum Glassjaw auf Ihrem dritten Album jeglicher Altersmilde in Gesicht schlagen, bleibt ebenso unbeantwortet wie irrelevant. Spätestens, wenn am Ende nach einem verstolperten HipHop-Beat-Intermezzo mit "Cut and run" der U-Turn Richtung Maximal-Krawall gemacht wird, ist klar: Glassjaw wollen dem musikalischen Kompromiss das Genick brechen. Gut so. Denn so bleiben die US-Amerikaner auch 2017 noch unverwechselbar und fügen ihrem bisherigen Gesamtwerk eine weitere eigene, wenn auch sehr laute, Note hinzu. Vor diesen Königen des Noise muss man einfach niederknien.

(Oliver Windhorst)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Shira
  • Golgotha
  • Bibleland

Tracklist

  1. New white extremity
  2. Shira
  3. 11 Days, 11 nights
  4. Golgotha
  5. Pretty hell
  6. Bastille day
  7. Pompeii
  8. Bibleland
  9. Closer
  10. My conscience weighs a ton
  11. Material control
  12. Cut and run
Gesamtspielzeit: 36:35 min

Im Forum kommentieren

The MACHINA of God

2019-11-09 03:32:44

Ja, die ist echt klasse. Auch leicht experimentell.

Affengitarre

2019-11-08 20:13:43

2011 kam die nach "Our Color Green" heraus, ob die limitiert war, weiß ich nicht. Ist für mich tatsächlich das beste Release der Band.

Mayakhedive

2019-11-08 19:36:21

“Coloring Book“...
War das so ein limitiertes Fanding, dass einiges nach der Worship & Tribute rauskam?
Irgendwie klingelt da nur ganz entfernt was und ich hab die jedenfalls nie gehört.

Affengitarre

2019-11-08 19:09:21

Ich mag den Sound und die Stimmung, aber die Songs sind meist nur ok und das Drumming gefällt mir auch nicht so. Wenn ich an das tolle, verspielte Drumming der "Coloring Book" denke, ist das schon ein paar Klassen drunter. Dennoch für den ein oder anderen Hördurchgang zwischendurch ziemlich gelungen.

The MACHINA of God

2019-11-08 19:03:22

Ist auf jeden Fall mehr als ordentlich. Schon deutlich härter als die "Worship". Gib ihr mal ne Chance.

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