Kellermensch - Goliath

Motor / Edel
VÖ: 27.10.2017
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Befehl von ganz unten

Ein zumindest auf den ersten Blick unmöglicher Name. Zuschreibungen wie Art Metal oder Rock Noir, die in Sachen stilistische Verortung eher verwirren, statt Aufschluss zu geben. Ganze 40 Besucher bei einem Konzert auf deutschem Boden. Nein, dem Untergrund beziehungsweise dem feuchten Souterrain sind Kellermensch trotz früherem Major-Deal und exquisitem Erstling ebenso wenig entwachsen wie der Held in Dostojewskis Novelle "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch", die den sechs Dänen als Inspirationsquelle dient. Das kommt eben davon, wenn nur wenige Hörer bereit oder imstande sind, sich vorzustellen, wie es klingt, wenn sich Arcade Fire und Neurosis bei Nick Caves Herrenausstatter über den Weg torkeln. Breite Indie-Symphonik, bitterböse Growls, dröhnender Swamp-Blues, wüste Post-Punk-Verzweiflung – alles da.

Da versteht es sich von selbst, dass auch "Goliath" über acht Jahre nach der Erstveröffentlichung des Kellermensch-Debüts eingangs gewaltig auf die Pauke haut. Raumgreifend marschieren die Drums in "Bad sign" zu unterschwelligem Grollen über einen löchrigen Streicherteppich, Sebastian Wolffs barmende Stimme sinniert über Freiheit, Gefangenschaft und darüber, ob überhaupt ein Unterschied zwischen beidem besteht. Seine Band wetzt im Hintergrund die Messer, und im Grunde kann das eröffnende Muskelspiel nur ein schwacher Abglanz des Kommenden sein: Schon bald wird orchestraler Donner auf sehnsüchtige Harmonien und Spuren roher Sludge-Power prallen. "I don't believe I got choices any more", bangt der Frontmann zu Unrecht: Diese düster-wuchtigen Songs von ganz unten bieten mannigfaltige Möglichkeiten.

Dabei lassen sich Kellermensch zum Ausspielen ihrer Trümpfe Zeit und versehen die überschwänglich arrangierten Stücke zudem oft mit swingendem Pop-Appeal. "The pain of salvation" zum Beispiel verweist lediglich im Titel auf die gleichnamigen Progressive-Metaller und entpuppt sich im Refrain als vollmundige Hymne, die an einem stoischen Basslauf vorwärts schabt, "All that I can say" genügen gar zweieinhalb Minuten, um zu Humpel-Piano und verschlepptem Dance-Beat kehlig seinen inneren Springsteen freizulegen. Bei aller Aufgekratztheit fast eine Erholung im Vergleich zum vorangegangenen "Remainder", das Geigen schluchzen, sattes Midtempo schmatzen und Wolff den Rufer in der Wüste geben lässt – bis das gutturale Grunzen von Organist Christian Sindermans alles in der Luft zerreißt. Famose Schmerzmusik für Seelen am Nullpunkt.

Wie etwa für den "Mediocre man", der einen infektiösen Shuffle-Hit vor sich herkickt, über listige symphonische Breaks stolpert und doch gute Miene zum bösen Spiel macht. Ausgerechnet in einem der leichtgängigsten Popowackler warnt der Protagonist seine Zukünftige dann mit den Worten "You gotta live with the shame of carrying my name" vor der eigenen verkrachten Person, und "Lost at sea" treibt aufs offene Meer hinaus und klammert sich zwischen Krach und Klassik an der Melodieführung von Oasis' "The importance of being idle" fest. Und auch die wilde Metal-Sau treiben Kellermensch in "Moth" kurz vor Schluss mit Gebrüll durchs Dorf, als ob das noch unbedingt nötig gewesen wäre. Maßanzüge und hochliterarische Schwarten sind zu diesem Zeitpunkt längst schwer ramponiert – aber Opfer wollen nun mal gebracht werden für so ein brillantes Album.

(Thomas Pilgrim)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Mediocre man
  • Remainder
  • All that I can say
  • Lost at sea

Tracklist

  1. Bad sign
  2. The pain of salvation
  3. Atheist in a foxhole
  4. Mediocre man
  5. Remainder
  6. All that I can say
  7. Carrying my name
  8. Lost at sea
  9. Moth
  10. How to get by
Gesamtspielzeit: 36:56 min

Im Forum kommentieren

VelvetCell

2019-03-12 11:32:45

Da bin ich ganz bei dir: Goliath ist ein famoses Rockalbum, das zu Unrecht wenig Beachtung erfuhr. Ohnehin müsste die Band viel größer sein.

The MACHINA of God

2019-03-11 22:28:53

Das Debut ist klar besser, aber das schielt auch Richtung 9/10. "Goliah" gefällt mir nach langem Nichthören aber grad überraschend gut.

Blablablubb

2018-03-22 15:18:04

Gutes Album, aber den Vorgänger finde ich dann doch ein Stück besser.

"Lost At Sea" ist abartig gut.

The MACHINA of God

2017-11-01 23:56:26

Geile Rezension!!!

Armin

2017-11-01 21:50:09- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Forum