Kirin J Callinan - Bravado

Terrible / Caroline / Universal
VÖ: 29.09.2017
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Pulleralarm!

Auf die Fresse! So ließ sich die Wirkung umschreiben, die 2013 Kirin J Callinans atemberaubendes Debüt hinterließ. "Embracism" war ein Parforceritt durch waidwundes Vaudeville, seelenschlürfende Industrial-Räudigkeiten und Drama-Pop mit dickem Ende – und somit nicht weniger als ein Erlebnis. Der Australier gerierte sich darauf als eindrucksvoller Schmerzenskünstler – dagegen erschien Jamie Stewart von Xiu Xiu wie ein verhärmter Bulimiker, der ständig seine Instrumente vollkotzt, Scott Walker wie ein mit Blähungen kämpfender Opa in der Opera und Trent Reznor wie ein Kinderschreck aus der Elektro-Puppenkiste. Und dass Callinan einen Penis wie ein Stuhlbein haben soll – das werden wir wohl glauben müssen, zumal er sich auf dem Cover von "Bravado" offenbar selbst ins Gesicht uriniert. Und auch sonst gehörig auf dicke Hose macht.

Alles beim Alten also – und dann irgendwie doch nicht. Zwar ähneln viele Songs nach wie vor komplizierten Trümmerbrüchen, scheinen diesmal aber geradewegs aus dem gemeinsamen Lazarett von Mac DeMarco, Steely Dan und David Guetta zu kommen. Wer's nicht glaubt, höre die spektakuläre Single "Big enough": Hier schmachtet Callinan zusammen mit dem geistesverwandten Alex Cameron zunächst in trauter Wildwest-Zweisamkeit um die Wette und zieht dann plötzlich eine massive EDM-Bretterbude hoch, die wiederholt unter dem markerschütternden Geschrei von Cold-Chisel-Sänger Jimmy Barnes erzittert. Irrsinniger geht's nicht – und auch kaum besser. Das tosende Finale einer turbulenten ersten Albumhälfte, die dem Hörer bereits so viele erratische musikalische Grenzfälle aufs wehrlose Gemüt nagelt, dass alle Brünnlein von selbst fließen. Pulleralarm!

Rave-Walzen wie diese sind dabei das ohrenfälligste der irrlichternden Stilmittel, derer sich "Bravado" bedient: Schon der Opener "My moment" erhält nach knurrigem Crooner-Intro im Duett mit Lo-Fi-Kollege Sean Nicholas Savage die gleiche Stromschlagtherapie für die baufällige Großraumdisco. Danach zersägen Stromgitarren den vorlauten Elektro-Sleaze von "S.A.D.", während Psych-Kauz und Soft-Hair-Hälfte Connan Mockasin im mit Dream-Pop-Harmonien gesprenkelten "Living each day" bei der Lebensberatung assistiert – vermutlich im Yolohemd. Bitter nötig nach dem gespenstischen Batzen "Down 2 hang": Funky Licks und das Saxophon des No-Wave-Faktotums James Chance reizen sich gegenseitig bis aufs Blut, Callinan röhrt wie ein brünftiger Jim Foetus. Falls jemand vergessen haben sollte, was an "Embracism" so großartig war.

Doch so sehr sich der Mann aus Sydney samt allen Feature-Gästen auch an Daseinsbewältigung, Weltfrieden und in "Friend of Lindy Morrison" gar an der Schlagzeugerin der Go-Betweens abarbeitet – vor allem geht es um Callinans Männlichkeit. Das wird spätestens bei den Zweideutigkeiten aus der samtigen Seufzerballade "Family home" und dem Camp-Herzreißer "Telling me this" deutlich, ehe es heißt: "I could fuck around / I could go down on this whole town" – inklusive exaltiert bumsenden Beats, versteht sich. Mutwillige Käsigkeiten, wegen denen "Bravado" letztendlich nicht an seinen fantastischen Vorgänger heranreicht. Doch das ist halb so schlimm, wenn das abschließende Titelstück zu synthetischem Yacht-Rock gesteht, dass alles doch nur großspuriges Getue war und sich Callinan mit schiefem Grinsen davonmacht. Ab in die Bedürfnisanstalt.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • My moment (feat. Sean Nicholas Savage)
  • Down 2 hang (feat. James Chance)
  • Living each day (feat. Connan Mockasin)
  • Big enough (feat. Alex Cameron, Molly Lewis & Jimmy Barnes)

Tracklist

  1. My moment (feat. Sean Nicholas Savage)
  2. S.A.D.
  3. Down 2 hang (feat. James Chance)
  4. Living each day (feat. Connan Mockasin)
  5. Big enough (feat. Alex Cameron, Molly Lewis & Jimmy Barnes)
  6. Family home (feat. Finn Family)
  7. Telling me this (feat. Jorge Elbrecht)
  8. This whole town (feat. Star)
  9. Friend of Lindy Morrison (feat. Weyes Blood)
  10. Bravado
Gesamtspielzeit: 40:53 min

Im Forum kommentieren

socko

2017-10-22 21:41:12

tatsächlich anwärter auf album des jahres. schade, dass ihn nicht mehr leute kennen.

whitenoise

2017-10-05 13:36:24

Hab ihn gestern in Köln vor knapp 25 Leuten live gesehen. Der Hammer! Unfassbar unterhaltsam, vielseitig, selbstironisch.

Not my cup of tea

2017-10-04 21:34:31

Hat nervpotenzial

Armin

2017-10-04 20:52:57- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Kevin

2017-09-23 14:40:09

Nahezu alle Songs sind super.

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