Phoenix - Ti amo

Warner
VÖ: 09.06.2017
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

La dolce vita

Als Phoenix im Juni des Jahres 2000 ihren Song "If I ever feel better" auf die Welt losließen, ahnten sie nicht, dass dieser melancholische Touch Selbstmitleid aus heutiger Sicht bloß noch als Jammern auf hohem Niveau durchgeht. 9/11 stand noch bevor, die Gefahr von grausamen Anschlägen auf die westliche Zivilbevölkerung spielte in den Köpfen keine Rolle. In Zeiten des Terrorismus jedoch verlagern sich Unsicherheit und Angst von der persönlichen Komfortzone in die Mitte der Gesellschaft. "Wir haben die Arbeiten im September 2014 begonnen und kurz danach schien die Welt, wie wir sie kannten, vor unseren Augen zusammenzustürzen", erinnert sich Phoenix-Gitarrist Laurent Brancowitz an die Anfänge von "Ti amo", sechstes Studioalbum der französischen Truppe. Doch statt in Depressionen zu verfallen, Bestürzung und Trauer das Zepter zu überlassen oder wie etliche andere Künstler Rebellion und Agitation als Rezept zu sehen, setzen Phoenix in schlechten Zeiten auf herzerwärmende Tugenden.

"Ti amo" gibt sich Emotionen hin, erinnert an das urmenschliche Verlangen nach Nähe, sucht die Herausforderung der Begierde und proklamiert die Liebe. Und ja, Thomas Mars und Gefolgschaft tun dies regelrecht zügellos. Setzen nicht auf Schwarz und Weiß, sondern alles auf Rot. Bedienen sich der schon vom Vorgänger "Bankrupt!" bekannten, klebrigen Synthies und bekleistern diese nochmals mit Zuckerguss. Heraus kommt dabei Hochzeitstorten-Pop der Marke "Tuttifrutti" oder "Fior di Latte", der, trifft er den Hörer gänzlich unvorbereitet, auch in schlanker Dosis auf den Magen schlagen kann. Nicht nur hier operieren Phoenix an der absoluten Grenze der pappig-süßen Versuchung, doch im Kontext des herzigen Gesamtkonzeptes geht selbst dieser Doppelpack voll klar – und sei es zur Instant-Regulierung des Zuckerhaushalts. Das Leben zu genießen ist sicher nicht das schlechteste Rezept gegen moderne Ängste.

Als eine Art Leitmotiv – die beiden erwähnten Songs lassen es erahnen – haben sich Phoenix nicht zufällig die Kulisse des Filmklassikers "Das süße Leben" von Frederico Fellini für ihre auditive Utopie aufgebaut: Untermalt von seinem gewohnt facettenreichen Gesang schlendert Mars als aufmerksamer Beobachter durch die "Via Veneto" in Rom, saugt sämtliche Versuchungen des Nachtlebens aus der Blütezeit der italienischen Savoir vivre förmlich auf: Der feine "J-boy" tanzt mit seiner Mixtur aus Sixties-Harmonien und 80s-Synthpop übers warme Kopfsteinpflaster, während "Goodbye soleil" den zarten Electronica-Teppich ausrollt und einer flüchtigen Strand-Affäre die Regie überlässt. Das Titelstück mag nebst sonnigen Synthies seine schwer romantische Ader und einen kleinen Anflug von Pathos erst gar nicht leugnen. Warum auch? Ein toller Popsong braucht keine Entschuldigung.

Den Punch des Tanzmonsters Wolfgang Amadeus Phoenix oder den sommerlich-funky Gitarrenpop des Debüts "United" sucht man auf "Ti amo" vergeblich. Ein Umstand, der aufgrund der Entwicklung der Franzosen erstens vorhersehbar war, und zweitens aufgrund solch feiner Kleinode wie "Lovelife" und "Role model", mit klassischen Phoenix-Arrangements bestückt, gut zu verschmerzen ist. Einzig "Telefono" deutet gegen Ende an, dass unter dem plüschgepolsterten Wohlklang noch ein bisschen was brodelt. Bis dahin versuchen es die Indie-Heroen aus Versailles mit einer dreistöckigen Creme-Torte, einem bunten Blumenstrauß an zuckrigen Melodien und ganz viel Liebe. Und ehe wir uns versehen, versinken wir mit ihnen in einer romantisch-verklärten Unterwelt, in der es die Pariser Anschläge im November 2015 und all die anderen barbarischen Terrorakte nicht gegeben hat. Und schicken ein Herz zurück ins Nachbarland. Weil das einfach gut tut.

(Eric Meyer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • J-boy
  • Ti amo
  • Role model
  • Telefono

Tracklist

  1. J-boy
  2. Ti amo
  3. Tuttifrutti
  4. Fior di Latte
  5. Lovelife
  6. Goodbye soleil
  7. Fleur de Lys
  8. Role model
  9. Via Veneto
  10. Telefono
Gesamtspielzeit: 36:54 min

Im Forum kommentieren

Peacetrail

2022-07-20 15:54:09

Schönes Sommeralbum immer noch. Moped hat es gut erläutert.

Anonymität

2018-09-13 20:56:36

Telefono ihr bester Song nach 1901.

Aber

2017-06-24 14:41:00

Generell vergessen:
"Wolfgang Amadeus Phoenix" ist bei mir schon eine 8/10. Aber die erreicht sonst kein Album. Das neue ist weiterhin höchstens so gut wie "Bankrupt!".

MopedTobias (Marvin)

2017-06-23 17:44:28

Super Album. Noch mehr klebrige Synthies und Italo Disco-Einflüsse als auf dem Vorgänger schon, aber die Konsequenz, Stilsicherheit und Eleganz, mit der sie mittlerweile diesen Sound zelebrieren, ist beeindruckend. Dieses Mal schaffen sie es auch, die Spannung hochzuhalten und die Highlights gleichmäßiger zu verteilen. Ein kompaktes, spaßiges Popalbum und mehr will ich von Phoenix auch gar nicht.

MopedTobias (Marvin)

2017-06-22 15:43:01

Geht mir ähnlich mit United, Too Young und If I Ever Feel Better sind Riesenhits, aber den Rest find ich auch nur ganz gut.

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