Garbage - Strange little birds

Stunvolume / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 10.06.2016
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

I think I'm steroid

Man kennt sie, diese Typen, die scheinbar den ganzen Tag nichts anderes tun, als im Fitnessstudio abzuhängen und so breitschultrig herumlaufen, als hätten sie Rasierklingen unter den Achseln. Klar – große Muskeln, nix dahinter, so das Klischee. Wenn schon der Body bis zur Unkenntlichkeit aufpumpt wird, müssen wohl anderweitige Defizite kompensiert werden. Ähnliche Gedanken schießen beim ersten Hören des sechsten Garbage-Albums "Strange little birds" durch den Kopf, wenn nach der mulmig machenden Einleitung "Sometimes" die erste Single "Empty" die Rotation aufnimmt. Diese Produktion, protziger als Robert Geiss und opulenter als Reiner Calmund, wummert, drückt und clippt sich dermaßen durch den Gehörgang, man fragt sich, ob denn niemand aus den Desastern der Marke "Californication" und "Death magnetic" gelernt hat.

Das Vorurteil wird zunächst bestätigt: Jenes "Empty" hat hinter der massiven Fassade enttäuschend wenig zu bieten. Ein Standardrocker eben, funktional und sicher auch livetauglich, hat man von der Band in ihren Anfangstagen allerdings schon mehrfach besser gehört. Letzten Endes macht "Strange little birds" ohnehin musikalisch dort weiter, wo der Vorgänger "Not that kind of people" nach einer längeren Auszeit den Betrieb wieder aufgenommen hatte. Garbage versuchen gar nicht erst, Innovation oder Revolution in ihrem Sound vorzutäuschen. Shirley Manson, Butch Vig & Co. finden sich mit ihrem Status ab, auf ewig mit dem Alternative Rock der Neunziger verbunden zu sein, und betreiben höchstens Feinjustierungen an ihrem Sound.

Wie die Muskelmänner von der Hantelbank braucht auch "Strange little birds" einige Kraftaufwendung, um in Bewegung zu kommen. "Blackout" kann auf dritter Startposition seine sechseinhalb Minuten Spielzeit keinesfalls rechtfertigen, bietet aber wenigstens eine einigermaßen gefällige Hook an. Die sucht man beim folgenden lahmen Ausfall "If I lost you" in der Tat jedoch vergebens. Erst mit "Night drive loneliness" spielen Garbage einen Trumpf in Sachen Atmosphäre aus. Schwelgerisch, abgedunkelt und subtiler kommt der Song daher. Kurioserweise erinnert der Track textlich, stimmlich und stimmungstechnisch so sehr an Lana Del Rey, dass unweigerlich die Frage aufkommt, wer hier eigentlich von wem abgekupfert hat. Was der einen ihre "Summertime sadness", ist für die andere eben die "Night drive loneliness".

Überhaupt gelingen Garbage in der hinteren Hälfte deutlich bessere Songs. "We never tell" hat ordentlich Pfeffer im Hintern und erreicht das Niveau des Debüts, welches als ewige Messlatte immer noch dient. "So we can stay alive" hält überdies die Spannung in sechs Minuten aufrecht und begeistert mit Wendungen und knackigen Riffs. Und "Amends" ist zwar als angestrebtes Laut-Leise-Abschlussepos äußerst formelhaft, aber dann doch irgendwie passend. Der Gewichtheber hat also unter der Steroid-Hülle durchaus einiges zu bieten. Wer den artifiziell rockenden Garbage-Sound immer noch schätzt, findet angemessenen Futternachschub, diejenigen, die sie schon seit Anbruch des neuen Jahrtausends beim Alteisen sehen, wird auch "Strange little birds" nicht vom Gegenteil überzeugen. Ein Happy End: Alle haben Recht – und Garbage ihre Ruhe.

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Night drive loneliness
  • We never tell
  • So we can stay alive

Tracklist

  1. Sometimes
  2. Empty
  3. Blackout
  4. If I lost you
  5. Night drive loneliness
  6. Even though our love is doomed
  7. Magnetized
  8. We never tell
  9. So we can stay alive
  10. Teaching little fingers to play
  11. Amends
Gesamtspielzeit: 52:46 min

Im Forum kommentieren

Ninetiesman

2022-01-11 21:42:18

Das Album ist wirklich nicht schlecht, 7/10 hätte es mindestens verdient. Auch das Album davor war überraschend gut, meiner Meinung nach besser als z.B. "Bleed like me" und vielleicht sogar "Beautiful Garbage".
Auf BLM war halt "Run Baby Run", ein Highlight ihrer Karriere.

The MACHINA of God

2022-01-11 09:55:02

Interessant, wie ruhig das Album ist und wie lang die Songs. Fällt mir gerade im Gegensatz zum recht rumpeligen aber auch irgendwie plakativen neuen Album auf. Da mag ich das hier deutlich mehr. Einziger Nachteil: "Beloved freak" (vielleicht der beste Garbage-Song überhaupt), welches ich immer wieder diesem Album zuordne, ist hier gar nicht drauf. :D

fuzzmyass

2020-10-25 16:49:57

Finde auch, dass es zu den Highlights der Band gehört, zumindest nach den ersten beiden Alben ist es wohl das beste...

Corristo

2020-10-24 15:07:25

Bin immer noch in einer Garbage-Phase derzeit. Hatte irgendwie geargwöhnt, dass das eher positive Feedback zu diesem Album wohlwollend gemeint ist. Doch tatsächlich hebt es sich von den früheren Alben ab, ist düsterer und triphoppiger und muss sich in der Diskographie nicht verstecken. Wahrscheinlich sogar ihr drittbestes Album nach den ersten beiden.

The MACHINA of God

2016-06-14 13:10:16

Oh, ich bin auch recht angetan. Stimme da Leatherface zu.

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