Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen - Rüttel mal am Käfig, die Affen sollen was machen

Tapete / Indigo
VÖ: 15.01.2016
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Im Streichelzoo

"Wie heißt der Bürgermeister von Wesel?" – "Esel!" Man könnte diese infantil-sinnfreie Reimerei nun fortsetzen, aber davon wollen wir doch lieber Abstand nehmen. Das Leben ist schließlich eins der härtesten. Auch für Unpaarhufer, die sich oft als Lastentiere schinden müssen. Wunderbar also, dass eine vor ein paar Jahren verstorbene britische Tierschützerin eigens ein Asyl für die armen Tiere gegründet hat. Noch wunderbarer: Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen widmen diesem mit "Mrs. Svendsens Heim für Esel" einen Song ihres dritten Albums – der dann ähnlich melancholisch in der Ecke hängt wie das blinzelnde Memento mori "Begrabt mich bei Planten un Blomen" vom Zweitling "Alle Ampeln auf Gelb!" Nein, eine Platte, auf der ein solch herzerwärmendes Stück zu finden ist, kann im Grunde gar nichts falsch machen.

Macht sie dann auch nicht. Nicht wenn Carsten Friedrichs, Tim Jürgens und Kollegen in Anzug und Pullunder Power-Pop, Northern Soul und luftigen Indie-Rock mit so leichter Hand zu launigen Dreiminütern verkochen, dass sogar die an jeder Alltagsecke lauernden Heimsuchungs-Paketchen des Daseins erträglich erscheinen. Allen voran das leidige Tagewerk, dem die Hanseaten im designierten Hit "Arbeit ist ein Sechsbuchstabenwort" mit Schmackes seinen Schrecken nehmen – aufgekratztes Stakkato, stets haarscharf neben der Phrasierung liegender Raufaser-Gesang und tendenziell grenzdebile Reime inklusive. Da kann auch ein bereits zweifelsohne unterhaltsamer Beitrag zum Thema wie "(Ode) an die Arbeit" von Wir Sind Helden getrost einpacken. Friedrichs und seine Jungs packen jedoch erst richtig aus.

Zarte Gefühle, harte Drinks, schnelle Autos – nur drei der Dinge, die Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen auf diesem liebenswert scheppernden Streichelzoo von einem Album verhandeln. Mit oberflächlichem Hedonismus geben sich die Hamburger dabei wie immer nicht zufrieden: Es sind vor allem schräge Lebemänner, verkrachte Existenzen und andere Randfiguren der Gesellschaft, die durch die Songs stolpern und den indiskreten Charme der Bourgeoisie verströmen. "Der beste Zechpreller der Welt" gibt sich etwa zum Auftakt ähnlich halbseiden wie sein klöppelndes musikalisches Pendant, überzeugt aber durch pointiertes Arrangement und Nehmerqualitäten an der Bar. Zumindest bis "Das härteste Mädchen der Stadt" zu scharfen Licks groovend in den Laden stapft und mit einem elektrifizierten Rocker die Gläser von den Tischen fegt. Prost Mahlzeit.

Klar, dass die Affen da nicht lange stillsitzen können. Wie auch beim vollmundigen Dampforgel-Stampfer "Die ganze Welt ist gegen mich (Blues für Rolf Wütherich)", in dem Friedrichs seinen Weltschmerz feiert und nebenbei posthum den vielgescholtenen Unfall-Beifahrer von James Dean rehabilitiert? Sozusagen der Super-Punk unter diesen zehn Stücken, falls jemand den Begriff bisher vermisst hat. Noch lauter treibt es der Backgroundchor der polternden Van-Gogh-Hommage "You are great but people are shit", während sich Sänger und Maler beim Biere gegenseitig ihr Leid klagen – drei Ohren hören nun mal mehr als zwei. Zugegeben: Wer hier Neuerungen erwartet, glaubt vermutlich auch, dass der HSV Deutscher Meister wird. Doch Friedrichs zuckt nur mit den Schultern: "Ich bin gut genug für Dich." Wie dieses Album.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Arbeit ist ein Sechsbuchstabenwort
  • Das härteste Mädchen der Stadt
  • Mrs. Svendsens Heim für Esel
  • Die ganze Welt ist gegen mich (Blues für Rolf Wütherich)

Tracklist

  1. Der beste Zechpreller der Welt
  2. Arbeit ist ein Sechsbuchstabenwort
  3. Das härteste Mädchen der Stadt
  4. Mrs. Svendsens Heim für Esel
  5. Die Affen sind unruhig
  6. Die ganze Welt ist gegen mich (Blues für Rolf Wütherich)
  7. Wärst Du nicht hier
  8. Ich bin gut genug für Dich
  9. You are great but people are shit
  10. Die Kampfbahn im Sonnenschein
Gesamtspielzeit: 30:43 min

Im Forum kommentieren

Herder

2016-02-11 21:24:52

...aber das ich mal noch bei einem Rockkonzert zu den Jüngsten im Publikum zählen würde, damit hätte ich auch nicht mehr gerechnet.

Herder

2016-02-11 21:23:22

...und live wieder sehr mitreißend, witzig und sympathisch! Danach gefiel mir das neue Album gleich noch ein paar Ecken besser. Wenn ich mal deutschsprachige "Gute-Laune-Musik" mit Haltung brauche, dann wohl Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen.

MM13

2016-01-15 19:13:23

die liga konnte mich nach superpunk irgendwie nie richtig überzeugen,aber diesmal werde ich mir das album wohl holen,gefällt mir.

rollator

2016-01-11 09:47:23

Sehr gutes Album. Gefühlt einen Hauch "härter" (Das härteste Mädchen, You are great) als die Vorgänger. Dochdoch, gefällt.

MacOss

2016-01-10 20:00:55

Soso ... "Arbeit ist ein Sechsbuchstabenwort". Da scheint ein Smiths-Fan am Werk zu sein. ;-)

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