Pearl Jam - Riot act

Epic / Sony
VÖ: 11.11.2002
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Last band standing

Sie haben es überlebt. Den Hype, den Selbstmord, die Isolation, das Festival - und immer noch strahlen Pearl Jam diese gewisse Erhabenheit aus, die sie von den vielen Nachahmern abhebt. Eddie Vedders Charisma läßt sich eben nicht im Labor klonen. Und auch wenn einige der alten Zöpfe jetzt ab sind, spürt man endlich wieder die Leidenschaft, den Schwung, den Drang des Fünfers. \"Riot act\" hat ein Herz, eine Seele und einen Eddie.

Es ist schon erstaunlich, wie sehr die handwerklich immer über jeden Zweifel erhabene Musik der Grunge-Veteranen mit dessen Vortrag steht und fällt. Diesmal, und da gibt es kein Vertun, ist man standfest. Vedders Stimme beschwört eine Intimität herauf, die auch Stadionkonzerte zur kleinen Kammermusik werden läßt. Das schnöde Wort von der Ausstrahlung drückt kaum aus, wie sein Flehen und Hauchen, sein Pressen und Säuseln Wirkung hinterläßt.

In besinnlichen Momenten wie \"Thumbing my way\" oder \"Can\'t keep\" legt Vedder die Lunte für ein unweltliches Brodeln. Um so erdiger fühlen sich Weisheiten wie \"It\'s an art to live with pain / Mix the light into grey\" an. Gleich darauf wissen wir auch, was Vedder so bewegt: \"Lost 9 friends we\'ll never know / 2 years ago today.\" Die tragischen Ereignisse des Roskilde-Festivals stecken der Band noch immer tief in den Gliedern. Doch der Weg aus dem Trauma führt über die Liebe. Und die Melodie von \"Love boat captain\" malt ein großes Herz.

Doch es ist kein lasches Hippietum auf \"Riot act\". Stampfend melden Tracks wie \"Save me\", \"Get right\" oder \"Ghost\" die Richtigkeit des Titels an. Doch dieser verkündet kein zielloses Rüpeln, eher das wissende Lautwerden einer Band, die sich längst gefunden hat. Selbst bei elektronisch verfremdeten Grooves (\"You are\") oder spitzzüngigem Sprechgesang (\"Bushleaguer\") kratzen Pearl Jam ihre Autorität nicht an. Mit dem furiosen \"Green disease\" blicken sie sogar für einen Moment in den Rückspiegel. Und eine Frage geht in die Welt: \"Can you feel this world with your heart and not your brain?\"

Kein Druck lastet mehr auf ihren Schultern, so befreit spielt die Band auf. Jeff Aments lyrisches Baßspiel läßt sich von Matt Camerons Schlagwerk umarmen. Mike McCready posiert zu seinen Griffbrett-Exkursen, während Stone Gossard zu Vedders Linken steht und freundlich grinst. Kein Solo verkommt, kein Fauchen verhallt ungehört, kein Melodiebogen wirft sich als leichtfertige Hymne dem schnellen Vergessen an den Hals. \"No matter how cold the winter, there\'s a springtime ahead.\" Relaxter Optimismus ist eingekehrt im Hause Pearl Jam. They\'re still alive.

(Oliver Ding)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Can\'t keep
  • I am mine
  • Thumbing my way
  • Green disease

Tracklist

  1. Can't keep
  2. Save you
  3. Love boat captain
  4. Cropduster
  5. Ghost
  6. I am mine
  7. Thumbing my way
  8. You are
  9. Get right
  10. Green disease
  11. Help help
  12. Bush leaguer
  13. 1/2 full
  14. Arc
  15. All or none
Gesamtspielzeit: 54:54 min

Im Forum kommentieren

ijb

2021-11-20 17:54:16

@ fuzzmyass
Sehe ich genauso.
Für mich war "Riot Act" der (späte) Einstieg ins (Alben-)Werk von Pearl Jam, nachdem mich die Band vorher immer sehr gleichgültig gelassen hatte. (Hatte mich allerdings auch mit keinem ihrer Alben wirklich ernsthaft beschäftigt, so weit ich mich erinnere.)

The MACHINA of God

2021-11-20 17:12:02

Ich bin immer noch meiner Meinung von 2008. :D

fuzzmyass

2021-11-19 21:54:24

Das ist ein Topalbum, für mich ebenfalls enorm unterbewertet... ich fand es schon bei Erscheinung toll, aber es ist auch ein Grower par Excellence und hat den Test Of Time hervorragend bestanden... facettenreich, abwechslungsreich, etwas sperrig und drahtig, tolle Atmosphäre, super Experimente (You Are!), gesanglich Vedder noch voll im Peak...
Für mich auf jeden Fall besser als Avocado, Backspacer, Lightning Bolt und Binaural... und mit den Glanzpunkten der Karriere kann es durchaus mithalten...

Menikmati

2021-11-19 21:34:27

Dieses Album findet wenig Beachtung. Letzter Eintrag von 2012? Zudem wird es in fast jedem PJ-Ranking auf einem der letzten Plätze gelistet. Auch ich mochte es damals nach der Erscheinung nicht sonderlich (abgesehen von I am mine, das bis heute einer meiner Favoriten ist).

Heute habe ich es nach Jahren mal wieder gehört und neu für mich entdeckt. Das Album bietet vielleicht mehr Facetten als jedes andere PJ-Album. Schon der Opener ist sperrig, überzeugt aber voll, Cropduster ist für mich eine absolute Neuentdeckung, ebenso das schöne Thumbing my Way, das bisher völlig an mir vorbeigezogen ist. Das darauffolgende You are ist fast noch toller mit umwerfender Guitarline.

Im hinteren Teil dann das treibende Green desease - fantastisch! Es sind letztlich die Experimente, die dem Album die spezielle Note geben und es zu einem der interessantesten macht: sowas wie Help, Help kam danach nie mehr. Oder sowas wie Bushleaguer - der viel gescholtene Präsidentendiss - könnten sie auch mal wieder machen statt dem x-ten professionellen Rockstampfer. Danach 1/2 Full, ein bleischweres Monster, mit ungeheuerlicher Intensität, der vielleicht beste Song. Nach dem Schamanen-Intermezzo Arc folgt mit dem schönen All or none noch das letzte unentdeckte Juwel.

Riot Act tanzt mit seiner Verspieltheit und seinem Raum locker gegen spätere und frühere Werke an. Die letzten PJ-Alben rocken teilweise zu routiniert. Auf RA ist eine Band zu hören, die ein wenig die Orientierung verloren hat und genau deshalb zu Unerwartetem greift. Schön.

Derzeit mein liebstes. Nebst dem Alltime-Fav Yield.

2012-12-24 14:14:43

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