Fehlfarben - Über... Menschen

Tapete / Indigo
VÖ: 25.09.2015
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

33 Jahre in Ketten

Auch Fehlfarben werden nicht jünger. Irgendwie ungerecht: Die Adoleszenz schwindet dahin, die Probleme bleiben die gleichen. Schon "Monarchie und Alltag" war Anfang der Achtziger eine formidable Grummelplatte voller Grauschleier, und später führten "Popmusik und Hundezucht" auf die Länge gesehen nur dazu, dass sich die wiedervereinte Band 2002 "Knietief im Dispo" befand. Wenigstens legte sie damit eins der besten Alben ihrer Karriere vor und startete gleichzeitig eindrucksvoll in eine zweite künstlerische Blütezeit. Mit Sänger Peter Hein als Grandseigneur des gediegenen deutschsprachigen Punkrock vorneweg und dem Wissen im Hinterkopf, dass man die Düsseldorfer trotz allem immer an ihrem wegweisenden Debüt messen wird. Nicht zu Unrecht: Die Dinge, gegen die Fehlfarben seit ihrer Gründung anspielen, haben sich letztlich nicht allzu sehr verändert.

33 Jahre in Ketten also nach dem 1982er Charterfolg des ungeliebten "Ein Jahr (Es geht voran)", wandelt man den Titel des Zweitlings leicht ab. Hein war zu diesem Zeitpunkt ironischerweise längst ausgestiegen – inzwischen thront der Endfünfziger wieder souverän mit großmäuligem Gestus, angewiderten Zivilisationsdiagnosen und geistreichen Wortspielen förmlich über den Songs. Nur folgerichtig, dass "Über... Menschen" direkt zu Anfang dort landet, wo "Monarchie und Alltag" schon einmal war: Aus "Apokalypse" wird "Untergang", aus der Drohung "Ernstfall, es ist schon längst soweit" ein lapidares "Davon geht die Welt nicht unter, dass man sie zerstört." Was für ein herrlich desillusionierender, zu weiblichen Background-Vocals swingender Singalong-Auftakt zu einer Platte, die an den verschiedensten Fehlfarben-Aggregatzuständen andockt.

Elektroniker Pyrolator hat jedenfalls kein Problem damit, einen Song wie "Der Mann, den keiner kennt" in ein blubbernd-minimalistisches Synthie-Bad zu tauchen, worauf seine Kollegen spitze Post-Punk-Gitarren und belegt quäkendes Saxophon folgen lassen. Etwa im wehmütig-schiefen "So hatten wir uns das nicht vorgestellt", wo Hein trotzig und halb ratlos vor mobiler Telekommunikation, Online-Banking und medialer Dauerberieselung kapituliert. Hat man sich erst einmal als "Rollator-Rebell" geoutet, ist es eben gut singen: im fidelen Punkrocker "Das Komitee" von tolldreisten Obrigkeiten, bei der groovenden Berlin-Schelte "Rein oder raus" von leidiger Gentrifizierung und in der hinreißend eiernden Ska-Mutation "Urban Innozenz" von unliebsamen Yupstern. Und so viel anders können The Specials ihr "Ghost town" damals auch nicht gemeint haben.

Drei fantastische Stücke hintereinander, dank denen "Über... Menschen" ein mitunter begeisterndes Album ist – nachfolgend nehmen sich Fehlfarben etwas zurück, pendeln im wankelmütigen Shuffle "Schmerz Wut Genuss Mut" fast psychedelisch zwischen Gut und Böse und sind sich mit "Wir allein" auch für eine kleine akustische Selbstbeschau nicht zu schade. Zuvor sorgte bereits die entrückte elektronische Naturbeobachtungs-Klimperei "Sturmwarnung" für verdrehte Ohren: Würde es so klingen, wenn Helge Schneider und Joachim Witt beim Morgenspaziergang ihre künstlerischen Memoiren austauschen? Hinreichend bizarre Vorstellung – und eine der wenigen Momente der Einkehr inmitten von 13 Songs, die pointierte Empörung über das Hier und Jetzt in einen passgenauen musikalischen Anzug stecken. Mit Schlips und Kragen. Sieht auch im Alter gut aus.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • So hatten wir uns das nicht vorgestellt
  • Das Komitee
  • Rein oder raus
  • Urban Innozenz

Tracklist

  1. Untergang
  2. So hatten wir uns das nicht vorgestellt
  3. Der Dinge Stand
  4. Sturmwarnung
  5. Das Komitee
  6. Rein oder raus
  7. Urban Innozenz
  8. Der Mann, den keiner kennt
  9. Schmerz Wut Genuss Mut
  10. Wir allein
  11. Der Mullah vom Bodensee
  12. Wenn die Welt
  13. Passieren
Gesamtspielzeit: 41:37 min

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fräger

2015-09-28 16:59:08

ja, ich weiß, dass das ein songtitel ist, aber wen meint das peterle damit?

Karsten

2015-09-28 13:49:12

Hehehe... Ein Songtitel auf dem Album, kein Plattentests-Schreiber...;)

fräger

2015-09-28 12:58:16

wer ist mit dem mullah vom bodensee gemeint?

Karsten

2015-09-28 12:56:59

Habs mir sofort am Freitag gekauft und ist eine gute Platte geworden wieder. Hat ein, zwei leichte Hänger, aber die kann man verkraften.
Leider ist die Scheibe bei 3 Songs falsch gelistet. Da kommt der Mullah vom Bodensee laut Liste und es erklingt ein anderer Song laut Booklet... komisch.

Armin

2015-09-23 21:22:02

Frisch rezensiert!

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